Hier wurde ja viel geschrieben, doch möchte ich nicht auf alles eingehen.
Lieber Rudi nach vier Versuchen und innerer Kampf ein doch wirklich guter Text!!! Danke noch mal für dein Kämpfen.
Nun, ich suche nicht das trennende zwischen Judentum und Christentum, doch ich sehe es und um es zu überwinden, muss man es benennen können, sonst bleibt es als unausgesprochene Hürde auf ewig bestehen. Eine undankbare Aufgabe, denn wie viel schöner ist es doch dem "Gemeinsamen zu huldigen", ohne eine wirkliche Annäherung zu finden. Der Satz: "Gott wird’s schon richten", wäre hier der falsche Ansatz, den Gott hat dieses Wirrwarr nicht geschaffen, sondern Menschen. Wir sollten Korrekturen vornehmen, bevor es Gott tut, dass wäre dann nämlich für alle Übel, doch Gott gibt uns auch dazu das Handwerkszeug, nur müssen wir es auch nutzen wollen.
Zu deinen Aussagen über die „Schriftkritiker“. In der Tat, es hat in den letzten Jahren ein regelrechtes Erdbeben auf diesem Sektor der Theologie gegeben und es scheinen die Fronten verhärtet zu sein. Ich beobachte es mit großem Interesse und bin immer wieder erstaunt, mit welcher Härte und Unliebe diese Auseinandersetzungen innerhalb des Christentums geführt werden. Sowohl von der einen Seite (Bibelfundamentalisten) und der anderen Seite (Bibelkritikern). Doch was ist die Ursache dafür? Hier sollte man eigentlich ansetzen und nachfragen. Es ist, um es auf den Punkt zu bringen, der Stellenwert, der diesem Schriftgut eingeräumt wird, also etwas, was du selbst schon richtig angesprochen hast. Für die einen ist es eben Apologetik und für die anderen Gottes Wort.
Das über das Tenach noch nie so ein Streit im Judentum entbrannte liegt einfach daran, das es für uns einen anderen Stellenwert hat, es ist nämlich in erster Linie Gottes Dawar in Menschenhand und Menschenmud und zugleich ein grober Umriss unserer Geschichte mit allen Höhen und mehr noch Tiefen. Es sind Geschichten Gottes mit Menschen, die uns beispielhaft das Sein und vor allem Werden vor Augen führen. Auch hier ganz grob, es geht um das Sein eines kleinen persischen Grüppchens, dass später durch und durch ägyptisch geprägt war und von Gott zu einem Volk verschweißt wird und dann zu einer eigenständigen Nation gereift wird. Es sind Entwicklungsprozesse, von einem archaischen Nomadenstamm, welcher zu einer führenden Nation des vorderen Orients wird und nachhaltig die Weltgeschichte beeinflussen wird. Dieses Dawar Gottes ist in unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eingebetet und genau von daher eben nicht in starre Formeln gepresst, sondern lebendig und erlebbar und zu jeder Zeit und allen Zeiten auch auslebbar. Doch ginge dies dann nicht, wenn ich mir einen Tempel Bauen müsste oder ein Zelt, in der Wüste leben müsste oder an einen Ort gebunden wäre. Hier kommen wir eben genau zu der Geschichte Israels, welche in seiner Mehrheit kein Zelt hatte, keinen Tempel hatte und denen Gott auch immer wieder ganz bewusst dies alles wegnahm, weil sich sein Völkchen nur all zu gerne an solche feste Größen klammerte und diese als „Ersatzbefriedigung“ für Gott sah. Nicht anders verhält es sich mit dem Schriftgut. Hier hat Israel sein dargelegtes Fundament, doch es ist eben Vergangenheit und an uns liegt es, dieses Fundament in der Gegenwart zu leben. Der Bund mit Abraham, muss heute gelebt werden und nicht zur Zeit Abrahams. Deshalb ist es gut und wichtig zu wissen, was einst Abraham mit Gott so erlebte und welche Verheißungen er Abraham auch für mich mit auf den Weg gab, doch davon leben kann ich nicht. Ich soll in den „Sternenbund“ eintreten, den Gott einst Abraham verhieß, dass kann kein Abraham für mich tun, dass muss ich selbst tun, nämlich mit Gott höchst persönlich. Das tat ein Moses ebenso und ebenso die Millionen anderen Kinder Gottes.
Was will mich denn das Tenach eigentlich lehren? Man kann es mit einem Satz beantworten! Folge Gott, suche ihn und finde ihn, suche seinen Bundesschluss und suche seine Wege, die er dir nur selbst – ganz persönlich - offenbaren kann. Dabei könnte es dann allerdings passieren, dass du eine Hure heiraten musst, oder mit einem Stab Wunder vollbringst, Unwetter entfachst, oder ein Schiff bauen musst, in einem Wal drei Tage überleben darfst, oder über das Wasser gehen sollst, Tote auferweckst, oder ein Volk zur Umkehr rufst, kranke heilst oder aus Pampe eine Augensalbe mischst, ein goldenes Vlies legst, oder einfach nur schweigst, oder was auch immer! Eins kann man aus dem Tenach lernen, es gibt eine Wegweisung, ja, aber es gibt keinen Mechanismus, kein GESETZ, welches besagt Schema F ist der Weg. Gerade nicht der Tenach darf so verstanden werden, sonst müssten wir uns einen Tempel bauen, nein falsch, eine Stiftshütte, oder nein was neues, oder nein, wir müssen unbedingt in allem Moses folgen, oder nein, den Propheten oder nein, David oder, oder, oder. Genau darum geht es, du solltest im Bunde mit Gott sein und dann wird er dir zeigen was dran ist und was nicht. Darum geht es und ich kann versprechen, seine Wegweisung wird erst dann überaus wichtig sein. Kein Israelit ist gepresst in die Dawar des Moses, weil es eben Dawar sind. Doch ein jeder liest die Dawar des Moses. Oder einfacher, kein Israelit feiert gleich Shabbat wie der andere, aber eins haben sie gemeinsam, sie feiern Shabbat. Es ist eben die alte Geschichte, Liebe und Furcht gehören genauso wenig zusammen, wie Freiheit und Gefängnis. Beides kann man nicht haben. Ich wähle die die Liebe und Freiheit und diese gebietet mir darum zu kämpfen. Das Tenach ist mein Weg, in Liebe und Freiheit, denn in Liebe und Freiheit gab sie uns Gott und aus Liebe und Freiheit nahm sie Israel an. Das war und ist allerdings der schwerste aller Wege, mit dieser Liebe und mit dieser Freiheit umzugehen und mehr noch, dieser gerecht zu werden. Das erfordert eine totale Umkehr und Abkehr vom menschlichen Vorstellungsdasein, welches in menschliche Normen und Gesetze gepresst ist und Gottes Freiheit widerstrebt, nämlich mündig und wissend zu sein. Marionettengesellschaft, dass ist nicht das was Gott will, sondern selbstverantwortlich mündig, dass ist das was Gott beabsichtigt. Was du nicht willst, dass man dir tut, das füge keinem anderen zu, sagte einst Rabbi Hillel und Jeshua übernahm diesen Satz von seinem Kollegen, doch der Satz geht noch weiter! Wie willst du Mensch wissen, was gut und schlecht ist? Auch diese Antwort übernahm Rabbi Jeshua von seinem Kollegen Rabbi Hillel: Du sollst den Herrn deinen Gott lieben …… . Hier liegt die Antwort, Gott selbst wird dich lehren, doch dazu musst du mit ihm eins sein, eins werden! Genau darum geht es, nicht profane Rechtserfüllung laut Schrift, sondern Dawar umzusetzen!
Deshalb streitet man sich im Judentum nicht über wahr oder unwahr des Tenach, man kennt die Widersprüche des Tenach zur genüge und man kann sie ganz leicht erklären, denn es sind Dawar Gottes in Menschenhand und Menschenmund. Nicht mehr und nicht weniger! Ich könnte auch ohne sie leben, dass ist die Kernaussage des Judentums, weil Gott Dawar für mich hat. Suchen und Finden haben nichts mit besitzen zu tun, sondern etwas mit erreichen und erhalten!
Ein anderer Punkt ist eben aber auch, wenn sich angebliche „Gottesworte“ eklatant den Dawar Gottes entgegen stellen. Hier sollte man aufhorchen und sehr wachsam sein und Kritik üben dürfen. Gerade dann wenn die Freiheit Gottes zur Diktatur erklärt wird und seine Liebe zum Gesetz umgemünzt werden soll!
Hier fände ich es dann doch ehrlicher, wenn man sich doch dazu durchringt, ungeschminkt und allgemein verständlich klar zu sagen, was längst schon in einschlägigen Fachbüchern belegt ist, was und vor allem wo so manches Lehrgut wirklich her kommt. Ich halte eben nichts von gepredigter Unwissenheit und in deren Folge auch Unmündigkeit.
Übrigens meinte mal in diesem Zusammenhang mein evangelischer Pfarrersfreund ganz empört: Da können wir ja unsere Kirche und ihre Traditionen gleich selbst abschaffen; ich antwortet ja, warum nicht, besser so, als wenn es Gott tun wird, lernt doch was es heißt, wenn Gott euch etwas wegnimmt und abschafft, weil man damit nicht richtig umgehen kann, z.B. Stiftshütte, Tempel, Kultgeräte und Land. Das sind Lektionen, die wahrlich bitter sind, wir hätte es besser selbst getan, wir wären damit glücklicher gewesen und vor allem ehrlicher gewesen, in seinen – Gottes Augen.
Übrigens im Judentum gibt’s auch Tempelbauer, Mauernbauer und Hürdenbauer mehr als genug, es scheint so eine menschliche Unart zu sein, ständig den Weg zu Gott mit neuen „Gottesanweisungen“ zu blockieren.
Samu



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