Das Unbedenkliche einer Liebe, welche die Natur dem Menschen schenkt, kommt am schönsten in der Liebe zum Ausdruck, die jeder Mensch für sich selbst hegt. Eine falsche Moral hat viel Unheil angerichtet, indem sie diese natürliche Eigenliebe, den Egoismus, als etwas schlechthin Ungutes verurteilte. Dabei kann die Selbstliebe, eben weil sie ein Geschenk der Natur ist, für sich genommen weder gut noch schlecht sein. Moralisch gut oder schlecht kann nur etwas sein, was der Mensch in seiner Freiheit vollbringt. Die angeborene Eigenliebe ist nicht frei, nur die Art des Umgangs mit ihr kann frei sein. Eigenliebe ist schlicht unentbehrlich, ohne diese erste Liebe könnte der Mensch gar nicht leben, ohne sie könnte er auch niemand anderen lieben. Die Liebe zu sich selbst gibt jedem Menschen überhaupt die Möglichkeit, jemand zu sein. Wenn ich ein Niemand, wenn ich nichts wäre, wenn ich nichts in mir und für mich geschaffen hätte, könnte ich anderen auch nichts geben. Gut ist die Eigenliebe, wenn sie sich in der Liebe zum anderen erweitert, schlimm wird sie, wenn sie die Liebe zum anderen ausschließt. Ein Mensch kann sich selbst nie zu sehr lieben, bedenklich wird es nur, wenn er die anderen zu wenig liebt. Die zweite Liebe, die Nächstenliebe, darf nicht auch eine Gabe der Natur sein, denn dann wäre sie ebenso wenig frei wie es die Eigenliebe ist. Aber weil sich jeder täglich neu entschließen kann, seine Liebe auch anderen zu schenken, ist es ihm möglich, seine Eigenliebe selbst in eine freie Liebe zu verwandeln. Wer glaubt, er liebe sich selbst nicht, täuscht sich nur. Auch ein Selbstmörder handelt aus Eigenliebe: Wer sich das Leben nimmt, verspricht sich von seiner Tat einen Vorteil für sich selbst, andernfalls könnte er sich gar nicht umbringen. Der einzig triftige Grund , der einen Selbstmörder dazu bringen kann, sich das Leben zu nehmen, ist seine Überzeugung, dass er seine Lage durch seine Tat auf jeden Fall verbessert. Er ist überzeugt, das es besser für ihn ist, nicht weiterzuleben. Wenn der Mensch erst selbst etwas werden, etwas sein muss, ehe er andere lieben kann, dann ist der Hass gerade die Kraft, die sich wie eine Naturgewalt meldet, wenn der Mensch befürchten muss, von andere überrollt zu werden. Mit der Kraft des Hasses wehrt er sich gegen alles, was sein Wesen bedroht oder seine Entwicklung beeinträchtigt. Hass ist so gesehen die radikale Form der Eigenliebe, der Treue zu sich selbst, die Verteidigung der eigenen Selbstständigkeit. Ein Mensch, der nicht in der Lage wäre, ihn bedrohende Übergriffe von Seiten anderer abzuwehren, jemand, der sich völlig vereinahmen ließe oder sich sogar zum blinden Ausführer der befehle anderer machte, würde sich schließlich selbst auslöschen und könnte auch andere nicht lieben. Wenn man Hass nennt, ist in seiner natürlichen Ausprägung auch weder gut noch schlecht, sondern schlechthin entwicklungsnotwendig. Er ist die Kraft, mit der jeder Mensch sich gegen jede Art von Fremdbestimmung zur Wehr setzt- ja sogar setzen muss! Wo immer von außen danach getrachtet wird, einen Menschen gegen die Wand zu drücken, wo immer jemand es darauf anlegt, ihn zum Werkzeug für seine Zwecke zu machen, tritt als Antwort der natürliche Hass auf den Plan, der nichts anderes ist als die Urkraft des Menschen zur Selbstverteidigung, zur Eigenständigkeit.