Standard Die Dreieinigkeit in der Kirchengeschichte
Die Dreieinigkeit in der Kirchengeschichte
-Kennzeichen der Kirchengeschichte der ersten 4 Jahrhunderte-
Wenn wir uns dem Thema der Dreieinigkeit zuwenden, so ist dies kein biblisch- theologischer Sachverhalt, sondern einzig und allein ein historischer, der dann theologisiert wurde. In keinem einzigen Wort in der gesamten Bibel finden wir den Begriff Dreieinigkeit oder Wesenseins (Gott+Sohn+Geist). Auch nicht in den Schriften der sog. „Apostolischen Väter“ (Schriftzeugnisse von Gläubigen bis ca. 200 n.Ch.). Ausgehend von dieser elementar wichtigen Tatsache können wir uns dieser Thematik gar nicht von der Bibel her zuwenden, wie es irrtümlicher Weise von vielen Gläubigen oder gar Theologen getan wird, indem die Begriffswelt der Bibel - insbesondere des NT. dazu benutzt wird um der kirchlichen Aussage von einer Dreieinigkeit gerecht zu werden. Vielmehr muß man sich dieser Thematik aus der Sicht der Kirchengeschichte des 1. bis 4. Jahrhunderts nähern.
Wenn wir uns dieser sehr wichtigen Epoche der Kirchengeschichte zuwenden, muß man bedenken, dass nicht mehr Israel Mittelpunkt der neutestamentlichen Gemeinde war sondern Rom, Alexandrien, Antiochia, Edessa, Korinth und andere mehr. Das messianische Judentum (Juden die an Jeschuha den Messias glauben - Urgemeinde) war bereits am Ende des 2. Jahrhunderts von den Christengemeinden der Heiden im wesentlichen getrennt. Die oben aufgeführten christlichen Zentren waren bis ins 2. Jahrhundert ebenfalls untereinander getrennt und autonom. Jedes christliche Zentrum entwickelte seine eigenen theologischen Schulen und Lehren. Teilweise sehr philosophisch ausgerichtet oder spiritistisch, mystisch oder moralistisch, entwickelten sich verschiedenste Richtungen im Christentum, die jeweils für sich einen massiven Führungsanspruch forderten und sich als wahre Erben der apostolischen Urgemeinde sahen. Ein jeder glaubte für sich, die wahre Lehre zu vertreten aber vor allem zu interpretieren. Dieser Tatbestand zeigt sich bereits ab dem 1. Jahrhundert.
Das Christentum war bereits im ersten Jahrhundert in sich keine Einheit mehr.
Vornehmlich ging es um Irrlehren wie die der Häretiker, Gnostiker und Markioner. Insbesondere die Gnosis nahm schnell Besitz vom Christentum. Sie brachte eine reichhaltige mystische Schriftliteratur hervor und entfernte sich deutlich von der biblischen Lehre. Es wurden eigene Evangelien, Apostelakten und Briefe erfunden, die himmlischen Offenbarungen zugeschrieben wurden und insbesondere Jesus als göttliche Person darstellen. So berichtet z.B. das gnostische Thomasevangelium von der Kindheit Jesu und stellt Jesus als Wunderknaben dar, der sogar aus Lehm fliegende Spatzen formt, besondere Weisheitslehren hat und vieles wundersameres mehr. Insbesondere die hellenistisch - ägyptische Mystik und Mythenbildung findet einen starken Widerhall in diesem Schriftgut.
Auch wenn die Gnosis sehr stark vom Christentum bekämpft wurde, hat sie doch tiefgreifende Spuren hinterlassen, was in sich kein Widerspruch bedingt, wenn man die integrative Kraft des Christentums bedenkt.
Eine weitere Gruppe, die ebenfalls sehr starken Einfluss ausübte, war die der Anhänger des Markion von Sinope, der um 140 n.Ch. nach Rom kam, aber von der Gemeinde Roms verstoßen wurde, weil er das AT. radikal ablehnte. Er gründete eine eigene Kirche im Osten und erklärte alle Schriften außer einigen Paulusbriefen und dem Lukasevangelium für ungültig. Er war der erste, der einen neutestamentlichen Kanon zusammenstellte. Jedoch nicht ohne kräftige Überarbeitung der Paulusbriefe und des Lukasevangeliums, die er auf seine Lehransichten zurecht stutzte. So lehrte er z.B., dass der Judengott des AT. ein anderer (böser) Gott sei als der Gott Jesu und löste sich somit gänzlich vom Judentum, was damit auch auf die Person Jesu zutrifft. Auch seine Theologie hinterließ seine Spuren in der christlichen Theologie. Mehr noch aber waren durch die Schriftzusammenstellungen des Markion die christlichen Kirchen gezwungen einen allgemein gültigen Bibelkanon zusammenzustellen, was bis ins 4. Jahrhundert dauern sollte.
Besonders um die Schriftzeugnisse der Überlieferungen über Jesu, die Apostelbriefe, Offenbarungen und Apologien, entbrannte eine Jahrhunderte dauernde Fehde unter den christlichen Zentren. So lehnten die einen die Paulusbriefe, andere wieder die Johannesschriften ab. Andere hatten gänzlich anderes Schriftgut (wie z.B. bei den Gnostikern) und andere Gemeinschaften lehnten einfach alle Schriften ab. Zudem gesellte sich noch ein anderes Problem dazu, welches die Kirchenfürsten Origenes und Sextus Julius Africanus beklagten: Es war die ungeheure Vielzahl der Abschriften der alttestamentlichen und neutestamentlichen Schriften, die in sich teilweise so verändert waren, dass man z.B. aus ein und dem selben Evangelium oder Apostelbrief der in Alexandrien abgefasst wurde und zum Vergleich eine Abschrift aus Syrien daneben legte, zwei völlig verschiedene Texte las, die nur noch in ihrem Grundaufbau einer Quelle zugeschrieben werden konnten. Die heutige Textforschung zur neutestamentlichen Literatur hat dieses Wehklagen des Origenes und anderer nur bestätigen können, denn wir besitzen heute weit über 15000 verschiedenster Textversionen zum NT., die in sich teilweise nicht unterschiedlicher sein können. Und noch heute stellt sich die Frage, was ist wahr und was ist Fälschung. Es sei diesen Kirchenvätern lobend zugestanden, dass sie sich ernsthaft darum bemühten, zu retten was noch zu retten war, gleich wohl, und darin sind sich alle Theologen und Textforscher einig (allein schon anhand der schriftlichen Überlieferungen), dass die Schriften des NT. schwerwiegende Abänderungen erfahren haben. Diese Tatsache wird dahingehend bekräftigt - und man kann es nicht deutlich genug sagen - dass die frühe Kirche selbst - und dies gibt sie in ihren schriftlichen Überlieferungen auch ohne falsche Scham zu - manche Schriften verändert oder gar ergänzt hat, damit sie dem christlich - kirchlichen Verständnis von Kanonität entsprechen. Man weiß heute im großen und ganzen ziemlich genau, welche Textbereiche dies im NT. betrifft, wie z.B. Mt. 28/19 - vgl. dazu im Gegensatz Apg. 2/38; etc.. Die Urgemeinde selbst kannte nur eine heilige Schrift, den Tenach (AT.) und besaß eine schriftliche Abhandlung über das Leben Jesu (Urevangelium), welche sich in den Evangelien widerspiegelt, das jedoch von der Kirche vernichtet wurde, weil es offensichtlich - wie Hyronimus zu berichten weiß, zu jüdisch und theologisch zu unchristlich sei. Eine berechtigte Aussage, denn theologisch hat das Christentum eine Wandlung zur hellenistischen Philosophie erlebt wie ein jeder aus den Textzeugnissen damaliger Zeit erlesen kann und die für das theologische Selbstverständnis der Kirche zur Norm wurde. Es bleibt eine Tatsache, dass das Christentum in sich weniger jüdisch geprägt ist sondern in wesentlichen Aussagen sich der hellenistischen Welt angeglichen hat. Bereits Celsus hat in seiner Schrift Alethes Logos (Wahres Wort - gegen Ende des 2. Jahrhunderts entstanden) sehr deutlich ausgeführt, dass das Lehrgut der Christen einerseits aus dem Judentum entnommen ist, mehr noch aber aus stoischen, platonischen, ägyptischen und persischen Elementen besteht (Orig. c. Cels.1,5; 6,1; etc.).
Zu all diesen Streitpunkten gesellte sich der Machtkampf um die Vorherrschaft im Christentum, der sehr erbittert geführt wurde. Einen großen Höhepunkt fand dieser Kampf 217 n.Ch. wo sogar ein heidnische Kaiser in die Tumulte einschreiten musste, weil er das öffentliche Leben in Rom gestört sah. Wohl war der Konflikt theologischer Art, allerdings nur vordergründig (es wurde gestritten, ob der Mensch nach der Taufe noch sündigen darf oder nicht), in Wirklichkeit ging es bei diesen Streit, wie bei anderen auch, um die Vorherrschaft im Christentum in diesen Fall zwischen der kath. Kirche Roms und Nordafrikas, die ihrerseits sehr mächtig war. Der Historiker Carl Schneider berichtet über diese Zeit: ”...Nach dem Vorbild der Philosophenschulen suchten diese Bischöfe (z.B. von Rom) sich durch Traditionsketten zu legitimieren, die möglichst bis hin zu den Aposteln reichen sollten. Dieses Verfahren unterscheidet sich in nichts von dem Bestreben späterer Philosophen, zu Sokrates, oder späterer Herrscher, zu Alexander (dem Großen - Herrscherideal der römischen Cäsaren) die Verbindung zu knüpfen. So entstanden nicht nur gefälschte Bischofslisten, sondern auch die Behauptung, dass Tradition die Reinheit der apostolischen Lehre garantiere. ... Aber die Kämpfe verlagerten sich nur auf andere Ebenen und wurden um so heftiger, je mehr Anhänger der Philosophenschulen und andere Gebildete Christen wurden. Ihnen gegenüber fühlten sich aber die kleinen Handwerker, Sklaven, Ungebildeten, denen das Christentum ein starkes Selbstbewusstsein gegeben hatte, als wahre Philosophen; teilweise wurden sie sogar noch bildungsfeindlicher, je mehr sie Bibelworte und oft unverstandene Begriffe verwenden konnten. Die Streitigkeiten, deren Leidenschaftlichkeit wuchs, hatte im Osten mehr spekulative, im Westen mehr praktische Gründe. Aber scharf lässt sich das nicht trennen. Überraschend ist nur, mit welcher Gehässigkeit sie ausgefochten wurden, besonders in den Zeiten, in denen die Kirche vom Staat in Ruhe gelassen wurde. Bischöfe und Laien, die wie Dionysios von Korinth (ca. 170), sich ehrlich um Frieden bemühten, waren selten und hatten wenig Erfolg. Es gab schon im 2. Jahrhundert zu viele Bischöfe, die ihre Macht besonders über die kleinen Kreise mit dem Charisma veritalis verwechselten” (Prop., Bd. 4-S. 456).
Es war nicht das erste Mal, dass die kath. Kirche von Rom versuchte die Autorität über andere Kirchen zu gewinnen. So kam es bereits im Jahre 190 zu einem erbitterten Streit über den wahren Ostertermin. Hatten die römischen Gemeinden sich dem römischen Kalender bereits angepasst und ihre Festzeiten den römischen Sitten angeglichen, so weigerten sich die Gemeinden Kleinasiens und natürlich hier insbesondere die jüdischen Gemeinschaften, den Ostertermin auf das heidnische Fest der Ostara bzw. Aurora zu legen. Polykrates von Ephesos der die Gemeinden Kleinasiens vertrat hielt sich eisern an die apostolische Überlieferung des 14 Nissan - dem Pessach Jeschuhas. Der Bischof von Rom - Victor verlangte hingegen die Abkehr von dieser Überlieferung und schloss wegen Weigerung seiner Anordnung die Gemeinschaft aus dem Christentum aus. Victor konnte sich allerdings mit diesen Forderungen nicht durchsetzen, da sich schon allein auf Grund seines diktatorischen Verhaltens viele andere Bischöfe gegen Rom stellten und Polykrates unterstützten.
Erst unter Konstantin, wird per Kaisererlass das Pessach Jesu, dem römischen Ostarafest einverleibt, umgestaltet und zum christlichen Osterfest auf dem Festtag
des Reichsgottes Roms - Sol Invictus - Sonnengott gelegt (ich werde noch ausführlicher darauf eingehen).
Paradoxer Weise verhalf diese Uneinigkeit und theologische Verschiedenartigkeit dem jungen Christentum auch zum Überleben. Denn das Christentum war keine greifbare Größe, fassbare Einheit oder geschlossener Kult. Nein ganz im Gegenteil, von Region zu Region zeigte sich ein anderes Christentum, das in sich nicht unterschiedlicher sein konnte. Von einer Einheitslehre oder einem Einheitsglauben konnte man nicht sprechen. So berichtet Celsus im späten 2. Jahrhundert, als sich gerade die katholische Kirche konstituiert: „Seit die Christen zu einer Menge angewachsen sind, entstünden unter ihnen Spaltungen und Parteien, und ein jeder wolle sich - denn danach trachten sie von Anfang an - einen eigenen Anhang schaffen. Und infolge der Menge trennen sie sich wieder voneinander und verdammen sich dann gegenseitig; so dass sie sozusagen nur noch eins gemeinsam haben, nämlich den bloßen Namen .-. im übrigen hält es von den Parteien diese so und jene anders“. (Orig. c. Cels. 3.10) So opferten die einen Christengruppen ohne innere Glaubenskonflikte römischen Kaiserbildern, wenn es von ihnen gefordert wurde, wofür andere hingegen ihr Leben ließen, weil sie es nicht mit ihren Glauben vereinbaren konnten, Kaisern göttliche Huldigungen zu erteilen. Ob so oder so, sie alle nannten sich Christen und beriefen sich auf die Bibel und die wahre Ecclesia zu sein. Für die einen war es Gehorsam gegenüber der Obrigkeit für die anderen Götzendienst. Es mag nicht verwundern wenn wir erstaunt feststellen müssen, dass es nie eine wirklich große - alle Gläubigen umfassende Christenverfolgung durch das ganze römische Reich gab, gleich wohl wir von den Kirchen anderes schon gehört haben. Es gab regionale Verfolgungen die im wesentlichen aber davon abhing, welche Prägung diese Christengruppen hatten. Vor allem waren dies solche Gruppen - wie wir später noch sehen werden -, die später auch von der Staatskirche verfolgt wurden, da sie eben nicht mit den Machthabern verkuppelt waren oder einem falschen Gehorsamswahn erlegen waren, sondern sich an der Bibel orientierten, die eine solche Praxis entschieden ablehnt. Doch wie sah es konkret mit den Behauptungen des Celsus aus? Im frühen 3. Jahrhundert kennt Bischof Hippolyt von Rom 32 konkurrierende christliche Sekten. Am Ende des 4. Jahrhunderts nennt Bischof Philaster von Brescia 128 christliche Sekten und 28 Häretikerpartein. Es sei dazu angemerkt, dass dies jeweils nur Zahlen aus der Erkenntnis sind, was nichts anderes sagen will, dass wir es hier nur mit den größten bekannten Gruppierungen zu tun haben, da viele andere schon auf Grund ihrer räumlichen Entfernung oder gar auf Grund ihrer geringen Mitgliedschaft keine Erwähnung finden konnten. (Brox-Kirchengeschichte). Was Celsus anführt findet hier nicht nur seine Bestätigung sondern zeigt deutlich auf, was sich im Christentum damaliger Zeit abspielte. Die Worte Jesu aus Johev. 17/20-26 scheinen gänzlich vergessen.
Ausgehend von den großen christlichen Zentren - insbesondere von Rom als Welthauptstadt des Imperium Romanum, begannen am Ende des 2. Jahrhunderts einige christliche Parteien sich in der Liga Katholica zu sammeln, um gleich nach dem Prinzip Roms und nicht fern von dessen Methoden eine Kirche, mit einem Glauben, einem Patriarchen (Führer) zu schaffen. Das war keine plötzliche Entwicklung, sondern sollte ein Jahrhunderte währender Prozess werden, dem wir nur gelegentlich - in seinen wesentlichsten Phasen berühren werden. An vielen Streitpunkten wurde der Machtkampf um die Führung innerhalb des Christentums fest gemacht. Insbesondere zwischen den Kirchen Afrikas und Roms herrschten geradezu verbitterte Theologiestreitigkeiten, die nicht nur bei gegenseitigen Verketzerungen und Kirchenausschlüssen blieben, sondern später bis zu Mord und Totschlag führten. So schloss der Bischof von Rom Stephanos im sog. Taufstreit (255) die Kirchen Afrikas aus der kath. Kirche aus, verweigerte Cyprians Gesandten (Cyprian - Führender Bischof der Kirchen Afrikas), sogar ein Nachtlager in Rom, erklärte ihn zum Antichristen und seine Kirche für Ketzer.
Besonders heftig wurde aber dieser Machtkampf auf dem Feld der Christologie geführt d.h. um die Person Jesu, womit wir zu dem Themenkomplex der Dreieinigkeit kommen.
Dreieinigkeit im 1 - 3 Jahrhundert
Nachdem wir uns einen kleinen Einblick in die Kirchengeschichte der ersten drei Jahrhunderte gemacht haben, der nur einige wenige Aspekte berücksichtigen konnte, wenden wir uns nun der Entwicklungsgeschichte der Dreieinigkeit zu. Es mag sehr ungewöhnlich klingen aber in der Tat ist es so, dass wir bei der Thematik der Dreieinigkeit von einer Entwicklungsgeschichte sprechen müssen. Denn wie anfänglich bereits ausgeführt, findet sich weder im AT. noch im NT. dieser Wort- und Gedankenbegriff wieder.
Weder bei den messianischen Juden (Nazarenern oder Ebioniten, etc.) noch bei den christlichen Gruppen bestand ein Zweifel über die Bedeutung Jesu als Lehrer und Messias (Erlöser). Anders verhielt es sich jedoch, wenn die Frage nach der Person Jesu - seine Wesensart - gestellt wurde. Eindeutig belegt uns das NT., dass sich diese Frage für die Urgemeinde nie gestellt hat. Hier lag der Schwerpunkt auf der Frage: Wessen Sinn hat Jesu Mission und wie lässt sich seine Person und sein Leiden mit seiner Mission verbinden. Die Antwort fällt eindeutig aus, Jesus ist der Gesalbte Gottes, der Meschiach Adonai. Der Erstgeborene wie auch das Tenach ja selbst die Mischna und der Talmud (z.B. Pessikta rabbati 31,34,36 37, etc.; Sanhedrin 98b;) mehrfach belegt und in dessen Gleichklang die Apostel davon Zeugen. Erst mit den Beginn der Ausbreitung des Evangeliums in die hellenistische Welt stellen sich Fragen nach dem Wesen Jesu. Für das Judentum eine eher unverständliche Frage, um so wichtiger jedoch für die hellenistische Philosophie, die das geistige Leben insbesondere in den Kulten und Religionen beherrschte. Die hellenistische Philosophie ist insbesondere dafür kennzeichnend, alles und alle, in ein komplexes Weltgefüge einzuordnen und auf das Unfassbare logische Antworten zu finden - gleichwohl es oft mancher Logik entbehrt. Das Judentum galt in der hellenistischen Welt als eine absurde Religion, die Juden selbst als Verrückte, Sonderbare und Abstößige, da sie sich im wesentlichen der Erkenntnis orientierten, logisch - bilderreichen Götterwelt des Hellenismus verschloss. Es mag daher nicht verwundern, dass bereits das Johannesevangelium bei vielen messianischen Juden auf nur wenig Gegenliebe stieß wenn man sich z.B. den Eingangsprolog des Johannesevangeliums durchließt, dessen „Geistiger Vater“ Philo von Alexandrien abgeschrieben war. Philo war ein alexandrienischer Jude, der versuchte das Judentum dem Hellenismus anzunähern, jedoch ohne allzu großen Erfolg. Das Johev. dessen Ursprung in Alexandrien zu suchen ist, war die erste Schrift des NT. die ganz massiv aus den Bereichen der Stoa und der platonischen Philosophie Gedankengut in sich aufnahm. Wenn man sich in diese Schriften hineinließt wird man erstaunt sein, wie viel der Schreiber des Johev. von dem zitierten Gedankengut, aufnahm. Auch ist das Johev. die erste Schrift, die Jesus in einem anderen Licht - übermenschlich - erscheinen lässt, gleich wohl es der Schreiber tunlichst vermied auch nur den Anschein einer Göttlichkeit Jesu beizulegen, was allerdings aus leserlichem und begrifflichem Unwissen genau in dieses Evangelium hineininterpretiert wird. Das Johev. war in seiner damaligen Zeit für gebildet griechisch sprechende Juden aber wohl vor allem Heiden bestimmt, die sich in der Begriffswelt der Philosophie auskannten, was nicht nur das hervorragende griechisch mit seinen vielen Fachbegriffen belegt (die der damaligen allgemeinen Bevölkerung nur schwer verständlich waren, was auch die Kirchenhistoriker belegen - z.B. Origenes). Was hier nur vorsichtig begann - die Annäherung an die Begriffswelt des Hellenismus, wurde schon bald zur wesentlichsten und auch am härtesten umkämpften Streitfrage des Christentums in deren Folge Tausende ihr Leben lassen mussten.
Die ersten christlichen Antworten auf die Fragen nach Wesen und Gestalt Jesu waren ziemlich primitiv und erschöpften sich einzig und allein in den Versuchen, von der Bibel her Antworten zu finden, die jedoch an dem Absolutheitsanspruch der Einzigartigkeit, Unteilbarkeit und personellen Einheit Gottes scheiterten. Schwierig schien es besonders das hellenistisch - philosophische Weltbild mit dem Tenach in Einklang zu bringen. Zu groß schien der Spagat die Monarchia zu erhalten (die Einheit Gottes). Mit der theologischen Loslösung des Christentums von der Urgemeinde und seinen jüdischen Wurzeln - dem biblischen Weltbild, was massiv in der Zeit von Kaiser Aurelian (161 n.Ch.) begann (Loslösung von den biblischen Feiertagen, Kalendarium, Gottesdienstformen, Gebetsriten, etc.) und dem gleichzeitigen Verlust der Einflussnahme der messianischen Urgemeinde, öffneten sich die Türen zu einer neuen Herangehensweise für diese Thematik. Philosophische Denkmodelle ersetzten den biblischen Kontext, - ja wie wir noch sehen werden wurde der biblische Kontext auf die Ergebnisse dieser Denkmodelle („durch Berufung auf den Heiligen Geist“), zurecht gestutzt bzw. verändert.
Um 200 n.Ch. wurde die erste große Schlacht auf diesem Feld geschlagen. Streit entbrannte zwischen den dynamistischen und modalistischen Monarchianismus.
Die Dynamisten vertraten die Meinung; Christus sei ein wirklicher - normaler Mensch gewesen, der nur eine göttliche Kraft in sich trug und von Gott adoptiert wurde. Die Modalisten glaubten hingegen; Christus sei eine besondere Erscheinungsform Gottes (was hier schon leicht auf die Zweieinigkeit anspielt), wobei sie im Leiden Jesu auch das Leiden Gottes sehen - wenn Jesus leidet, leidet natürlich auch Gott. Besonders in Rom fanden sich viele Anhänger dieser Thesen, wo im vorderen Orient diese Ansichten radikal abgelehnt wurden. Noch schien es unvorstellbar zu sein Jesus göttliche Attribute anzuheften. Eine dritte Form gesellte sich durch Sabellios aus Kyrene (um 200) dazu, der besonders die griechische Form der Diatriebe (fiktive Form der griechischen Theaterspielkunst im Monologszenarium) verwand, indem er die Vielfalt Gottes als die drei Schauspielmasken Gottes definierte, die er sich je nach Belieben aufsetzen kann.
Die entscheidende Weiterentwicklung der christlichen Theologie geschah durch die Auseinandersetzung mit dem Neuplatonismus. Im Neuplatonismus wird nicht nur das Baugerüst der christlichen Dreieinigkeitslehre vorgelegt, nein sie wird in Wesen und Gestalt fast gänzlich übernommen. Doch was lehrte der Philosoph Plotin, der zum großen Lehrer des Neuplatonismus wurde? Plotin lehrt: „Der Grund allen Seins ist das eine, zugleich das Urgute und Urschöne, jenseits des Denkens, aber von reiner Aktualität. Aus ihm emanieren im Schritt einer Dreieinigkeit Geist, geistige Seinswirklichkeit und geistige Schau, in Wahrheit ein Geist, der Anteil hat sowohl an dem Einen als auch an der nächsten Emanationsstufe, der Seele“. Seine Dreieinigkeitsformel: „Das Eine, dessen Abbild und dessen Geist“; war die Begründung der später entwickelten Dreieinigkeit des Christentums. Bis dahin war es jedoch noch ein langer Weg und Kampf, der gegen die sogenannten Bibeltreuen zu führen war.
Die Dreieinigkeitsformel des Plotin war allerdings keine Neuschöpfung des Neuplatonismus sondern ist ältestes hellenistisches Glaubensgut. So setzte bereits Xenokrates (um 396 v.Ch.) eine Dreieinigkeit an die Spitze des Weltganzen. Aristoteles (384-322 v.Ch.), der besonders im Christentum größte Verehrung genießt, erklärte: „Die Dreiheit ist die Zahl des Ganzen, insofern sie Anfang, Mitte und Ende umschließt“. Martial (ca.40-102 n.Ch.) sah in Hermas den Trismegistos, den dreimal großen Hermas, der allein ganz und dreimal einer ist. Man könnte die Liste ohne Probleme weiterführen, um deutlich aufzuzeigen wessen Geistes Kind sich in der christlichen Dreieinigkeit widerspiegelt.
Alle sog. großen Geister des Christentums der vorkonstantinischen Wende und weit darüber hinaus waren geistige Kinder des Neuplatonismus, ja in späteren Zeiten entwickelten sie diese Philosophie weiter, wovon besonders das Mittelalter profitierte und lebte. Die Öffnung des Christentums zur Welt des Hellenismus zeigte seine ersten Früchte darin, dass ab 200 vermehrt zahlreiche Schriftsteller von hohem Niveau auftraten, was besonders auf die geistige Welthauptstadt Alexandria zutrifft.
So tritt z.B. um 200 Titus Flavius Clemens (gest. 215) in Alexandrien auf. Er war wohl ursprünglich aus Athen, ein guter Schüler der stoischen und platonischen Philosophenschulen Athens, viel belesen und ein vorzüglicher Kenner der hellenistischen Geisteswelt. Seine Berufung sah er darin, das Christentum aus seinem „primitiven - intellektuellen, schwärmerischen und apokalyptischen“ Gefüge zu reißen. Jesus ist ihm der gottgesandte pädagogische Logos. Der erste Teil seiner pädagogischen Leitlinien für ein neues Christentum - der Protreptikos, ist eine einführende Schrift für ein gebildetes platonisiertes Christentum, die deutlich den Unterschied zwischen einfachem gläubigen Volk und gebildeten Gläubigen hervorhebt, gleichwohl in der Theorie kein Unterschied besteht, was das Ansehen betrifft, wohl aber im Glauben. Seine zweite Schrift - der Paidagogos, ist ein einziges Zitatenwerk von stoischen Ethikern –insbesondere von Musonius Rufius, die den Christenmenschen dazu animieren soll endlich eine positive Haltung gegenüber den Zivilisationsgütern der Antike einzunehmen. Der dritte Teil - der Stromateis, ist nun gänzlich eine reine hellenistische Zitatensammlung aus allen Schichten der Philosophie und Dichtkunst, die der Beweisführung der Legitimität christlicher Bildung und Erziehung dient, da sie auf der griechische Philosophie beruht. Die Bemühungen Clemens blieben nicht ohne Kritik aber auch nicht ohne Erfolg. Gebildete hellenistische Kreise zog es nun interessiert zum Christentum hin, gleichwohl nicht zuletzt mit dem Ziel einer ernsthaften philosophischen Auseinandersetzung. Plotin selbst kam nicht umhin sich mit dem Christentum auseinanderzusetzen, da man ja mit seinen Schriften die Richtigkeit der christlichen Lehre zu beweisen suchte. Er selbst empfand die Art und Weise der christlichen Theophilosophie als „barbarische Verdrehung platonischen Lehrgutes”.
Doch dem Christentum damaliger Zeit sollte noch ein größerer geistiger Gegner begegnen - Porphyrios (234-301 n.Ch.). Porphyrios war nicht nur ein Schüler Plotins sondern auch dessen Biograph. Er war geradezu ein leidenschaftlicher Gegner des Christentums und zugleich wohl auch einer der besten Kenner dessen. Er zeigte nicht nur die Widersprüchlichkeiten der Überlieferungen über Jesu auf, die sich z.B. in den Evangelien befinden, was ja schon Origenes zu erklären suchte, sondern bewies mit hohen Sachverstand, dass, das Christentum in sich ohne eigene Ideen wäre und nur aus Diebstahl vom griechischen Mythos und hellenistischer Philosophie besteht. Er nannte Paulus einen widerspruchsvollen Sophisten, da er schon in seinen Briefen widerspruchsvolles sophistisches Glaubensgut verwandte, was wohl eher auf die Stoa zutrifft. Für ihn war das Christentum unlauter und geprägt voller Lügen. Die ersten Bücherverbrennungen der Christenheit galten den Werken des Porphyrios, den es vermochte nicht ein einziger Theologe seiner Zeit, ihn auch nur im geringsten zu wiederlegen. Was den genauen Inhalt seiner Werke betrifft, so wissen wir nur sehr wenig - außer aus Zitaten. Es ist wohl anzunehmen, das er das Urevangelium kannte - also die historische Überlieferung über Jesus, die längst schon von der Kirche abgelehnt bzw. nur bedingt angenommen wurde. Es mag wohl dahingehend seine Begründung finden, was seine massive Ablehnung einer Göttlichkeit Jesu erklärt (Makarios 3/15 - 4/24; Halbfaß-Porphyriosschriften).
Der größte christliche Gelehrte, von dem das Christentum bis in unsere Zeit zehrt und der dem Christentum einen klaren theologischen Weg wies, war Origenes (um 185 nach 251). Er selbst später von der Kirche als Ketzer verworfen (399, endgültig dann 543), machte kein Geheimnis daraus den Neuplatonismus zum neuen Glaubensmodel der Christenheit umzuprägen. Das Wesen seiner Theologie beschreibt Carl Schneider so: christlich-neuplatonische Synthese; Gott, zugleich das neuplatonische reine Sein und der biblische Schöpfer, schafft aus Güte die ewige Welt der Ideen und Seelen, aber infolge eines präexistenten Falles werden die Seelen zum Zweck der Erziehung in den Kerker des Leibes gebannt. Als Erzieher sendet Gott den ihm wesensgleichen Logos, den er ewig mit sich selbst zeugt, der als Mittler zum Menschen herabsteigt und den Menschen mit Hilfe des ihm wesensgleichen Geistes zur Erkenntnis der letzten göttlichen Wahrheit auf einem langen und schweren Erziehungsweg führen will (Propy., Bd.4 S. 466). In der Tat, die Synthese war damit vollzogen. Origenes schafft es sogar durch seine einzigartigen und nie wieder erreichten Auslegungsmethoden, alle großen Philosophen in den Dienst des Christentums zu stellen (z.B. Platon, Aristoteles, etc.), indem er alle christlichen Sätze mit denen der Philosophen in Einklang und Übereinstimmung bringt. Endgültig und ohne Umkehr war das Christentum in der hellenistischen Welt angekommen, ja geisteswissenschaftlich verankert. Viele Thesen des Origenes gingen noch weit über das Zitierte hinaus, ja sprengte nicht nur den biblischen Rahmen, sondern erübrigte die Bibel, was ihn zum Ketzer machte. Doch sein Glaubensmodel blieb im wesentlichen der Grundbaustein für eine neue Christologie und einer eigenständigen christlichen Theologie.
Bevor wir mit Origenes und seiner Theologie fortfahren, sei noch Tertullian angeführt, auch ein „großer” Denker und Kirchenlehrer seiner Zeit. Seine Theologie und die des Origenes, werden in späterer Zeit ebenfalls eine Synthese finden und dem Christentum zu seinem neuen Weg verhelfen.
Tertullian (153-223) begründete im wesentlichen die sogenannte lateinische Theologie. Sie stand im schroffen Gegensatz zur hellenistisch-neuplatonischen Theologie. Ganz im Gegensatz zu Origenes war es Tertullians Ziel die Kirche römisch - lateinisch zu prägen - kurz um, zu latinisieren. Rom das sich nur schwer mit der Philosophie tat, eher praktisch und nüchtern war, militärisch und auch im Geiste diszipliniert, war die Prägungsstätte Tertullians. Zwar war Tertullian in Karthago geboren, doch als Sohn eines römischen Zenturio, römisch erzogen und militärisch geprägt, in Rom lange Zeit als Anwalt tätig, ein erklärter Gegner der Philosophie: „Jeder unserer Handwerker hat Gott gefunden, den Platon nicht gefunden hat. Was haben ein Philosoph und ein Christ, der Schüler Griechenlands und der des Himmels, der Verfälscher der Wahrheit und ihr Erneuerer, ein Dieb und der Wächter der Wahrheit gemeinsam? Mit Christentum haben sie nichts zu tun, wohl aber mit Ohrenkitzel, Torheit, Dämonentum, und nähern sie sich einmal der Wahrheit, sei es Zufall oder Diebstahl“. (Tert.apol. 24,38,42,46; praesc. haer. 7,14; Tert.apol. 19; anima 1f.;spect.17,29; etc). Tertullian war ein sehr praktischer Theologe, der seinen Glauben als aktive Tat verstand. Insbesondere war er ein radikaler Verfechter der biblischen Ethik und Moral, die Askese und Ekstase in sich einschloss. Diese kompromisslosen Moralvorstellungen führten ihn auch zu dem radikalen Bruch mit der römischen Gemeinde, die ganz im Sinne einer Welthauptstadt, offen für alles und jeden war. Sein Kampf gegen Rom führte er sehr erbittert und mit sehr harten Worten. Nach Tertullian saufen und koitieren die Katholiken - wohl insbesondere die römischen, bei ihren Abendmahlsfeiern. Aber auch die römischen Katholiken waren nicht gerade zimperlich in ihrer Wortwahl, indem sie die Montanisten, denen sich Tertullian nach dem Bruch mit der katholischen Gemeinde Roms anschloss, z.B. als Kinderschlächter oder gar Kinderfresser bezeichneten (Tert. Jeun. 16f.; Kyrill. Cat. 16,8 ). Sein Moralverständnis lehnt sich stark an Paulus an, was insbesondere die sittlichen Forderungen betrifft. So trat er dafür ein, dass Jungfrauen verschleiert sein sollten, Frauen sich nicht schminken dürfen, sich der Gläubige der prachtvollen römischen Kleidung entledigen und afrikanisch einfach kleiden soll. Er war ein Anhänger des Glaubens bis zum Martyrium, dem er sich aber geschickt zu entziehen wusste. Insbesondere war er bestrebt dem Christentum römische Ordnung und Disziplin zu vermitteln. Er führte die militärische Begriffswelt in das Christentum ein (z.B. sacramentum, disciplina, statio,etc.) aber ebenso juristische Begriffe (z.B. meritum, praescriptio, lex, ja selbst der Begriff Trinität stammt von ihm, etc.) (Tert.de praesc. haer. 4, 6f, 14f, 17, 30, 41, etc.). Klar strukturiert und disziplinarisch formiert wie das Militär sieht er die Kirche. Mit aller Härte und ohne Gnade bekämpft er alle anders gearteten Richtungen des Christentums. Die spätere Kirche wird sich, wie wir aus der Geschichte wissen, dieses militärische Vorbild zu eigen machen und auch so militärisch handeln. Gehorsam und Disziplin sind geradezu die Schlagworte, mit denen man Tertullian bezeichnen könnte. Eigenschaften, die bis heute zum kirchlichen Selbstverständnis gehören, aber gleichzeitig jegliche Opposition in sich ausschließt. Die Freiheit des Geistes, wie sie von den Neuplatonikern vertreten wurde, war für Tertullian Angriff auf die Kirche. Sein theologisches Selbstverständnis, das sich in der Stoa begründet und auf substantiellen Materialismus beruht, lässt Geistlichkeit nur bedingt zu. So mag es auch nicht verwundern, dass er Gott als stofflich sieht und auch die Auferstehung der Toten als eine körperlich - fleischliche versteht, was den Neuplatonikern völlig irrelevant erscheint. Sein Trinitätsverständnis, war jedoch bei aller Verachtung für die Philosophie, nicht weniger philosophisch wie das von Origenes. Tertullian, in seiner Theologie oft sehr widersprüchlich, sieht Gott vom Sohn unterschieden, da der Sohn in einer Zeit entstanden ist (also nicht von Ewigkeit her), hingegen der Vater ewiglich ist. Somit ist der Sohn dem Vater untergeordnet. Des weiteren führt er noch den Heiligen Geist an, dem aber keine definierbare Rolle zugeschrieben wird. Tertullian führt erneut eine neue Begriffswelt ein, die seine Trinitas erklären soll - Substanz und Person - eine Wesensart, drei Personen. Damit stellte Tertullian eine Formel auf, die, die spätere, von ihm so bekämpfte Kirche, übernehmen wird, doch dessen Inhalt sie neu ausgestaltet. Deutlich muß man aber auch sagen, dass von einer Wesensgleichheit bei Tertullian nirgends die Rede ist. Klar sieht er die Unterschiede zwischen Gott und Sohn, die er einmal als zwei Wesenseinheiten und eine Person sieht und umgekehrt. Was mit dem Heiligen Geist ist, verschweigt er tunlichst, gleich wohl er darauf hin weißt, diesen nicht zu vergessen.
Die Nachfolger Tertullians - insbesondere Cyprian ( von ihm stammt das Nazischlagwort: Der Teufel ist des Juden Vater.), haben Tertullians Thesen überarbeitet und für eine kirchliche Einheitsgemeinde zurecht geformt. Lactantius (dem wir noch öfters begegnen werden), war wohl mehr Stoiker was besonders darin zum Ausdruck kommt, dass er sich in all seinen Ausführungen stark an Cicero anlehnt und somit der Kirche endgültig den römischen Einschlag vorgibt.
Diese beiden Formen - die hellenistische und lateinische Theologie - der Neuplatonismus und die Stoa, werden zum Maßstab der Kirche, vor der großen Wende – mit der das Christentum seinen Aufstieg zur Staatsreligion begann. Notwendige Reformen dazu waren noch nötig, doch der Weg dahin wurde durch die Theologie geschaffen, die es ermöglicht hat jüdisches Glaubensgut und messianische Hoffnungen, so der antiken Welt anzupassen, dass es die Welt erobert. Der Preis dafür war allerdings sehr hoch, die Verleugnung seiner Herkunft, die Verteufelung allen israelitischen und die Verketzerung des Judentums. Es mag nicht erstaunen, wenn z.B. auf der Synode von Elvira (306) es unter strengster Strafe untersagt wird, mit Juden zu essen, Mischehen einzugehen, ja der Kontakt mit Juden den Ausschluss von der Kommunion bedeuteten kann (Syn.Elv.c.16:49;78,etc.). Das Christentum ist heidnisch geworden und begann mehr und mehr seine biblischen Wurzeln die zutiefst israelitisch waren nicht nur zu verleugnen, sondern zu beseitigen. Nicht nur Kult und Feiertage betraf dies sondern den größten Juden betraf es am meisten Jeschuha, der zum Jesus Christus wurde.
In engster Anlehnung an Ammonios Sakkas, der auf dem Timaos Platons fußte, hatte Origenes mit Hilfe biblischer Interpretation eine Dreigliederung Gottes gelehrt und das Verhältnis der drei göttlichen Teilganzen zueinander als Humoousios, was etwa - von gleicher geistiger Substanz - bedeutet, bezeichnet - was ihn leicht in die Nähe Tertullians versetzt. Entscheidend war vor allem, dass der Logos Christus gleichen Wesens mit dem Weltenschöpfer und Vatergott, also nicht etwa sein Geschöpf oder das bloße Gefäß seiner Offenbarung sei (was sich deutlich gegen biblische Aussagen stellt) - (Propy.; Sch., Bd.4 S. 467). Allerdings lehrt Origenes ebenso wie Tertullian und andere, dass bei aller Gleichheit der Sohn geringer als der Vater, der Logos höher als der Heilige Geist sei. Diesen scheinbaren Widerspruch erklärt Origenes so: Wenn der Logos aus Gott ausgeht, dann ist er zwar wesensgleich mit Gott, aber trotzdem weniger als Gott, der ja alles umfaßt. Gleiches bezieht er auf den Heiligen Geist. Die Menschlichkeit Jesu spielt für ihn keine Rolle da sie nur Schein ist. Das war Hellenismus in neuplatonischer Anwendung pur. Das, das längst nicht mehr christlich war, wurde im ausgehenden dritten Jahrhundert von der exegetischen Bibelschule Antiochiens unter Lucian klar erkannt. Doch ging es Origenes bei seinen theologische Ausführungen auch nicht wesentlich um biblische Aussagen, was deutlich an seinen Aussagen über das A.T. wird, wo er z.B. feststellt: Ein Christ, der das A.T. wörtlich verstehe, müsse “erröten” angesichts der so viel „feineren und vernünftiger” wirkenden Menschengesetze, etwa der Römer oder Athener (Orig. Lev.5/1; Num. hom.26; de princ. 4/14; Homil. Josua 15/1; c.Cels.5/33,8/73; etc.).
Im wesentlichen lag die Richtung fest. Trinität nach dem Model der Neuplatoniker, Kirchenstruktur nach gut lateinischer Form, Mysterienkult nach hellenistisch - ägyptischen Vorbild, wobei regionale Eigenheiten ihre Berücksichtigung fanden. Mit diesem theologischen Konzept, das sich in gut 200 Jahren entwickelte, formierte sich das Christentum in der Antiken Welt im Großen und Ganzen zu einer der stärksten missionarischen Kräfte, die auf Grund ihrer Assimilationskraft alle Schichten der Bevölkerung erreichte. Was dem Christentum noch fehlte war die Anerkennung zur erlaubten Religion, gleich wohl sie bereits unter den meisten Kaisern geduldet, ja sogar nicht selten gefördert wurde. Doch noch etwas fehlte dem Christentum, die Einigkeit. Ständig in Machtkämpfe untereinander verwickelt, die sich in theologischen Streitigkeiten äußerten, bis hin zur gegenseitigen Verketzerung, kämpften die kirchlichen Machtzentren, um die kirchliche Vorherrschaft. Trotz des Bemühens mancher Kirchenfürsten, eine Aussöhnung untereinander zu erreichen, gelang es dem Christentum nicht einmal ein allgemein gültiges Glaubensbekenntnis zu formulieren, geschweige denn, einen einheitlichen Bibelkanon zu erarbeiten. Zum großen innerkirchlichen Eklat sollte es aber erst ca. 320 unter dem Diakon Arius in Alexandrien kommen, der auf der Basis der Bibel erklärte: „Christus kommt eine Wesensgleichheit mit Gott nicht zu, da er nicht ewig, sondern ein Geschöpf, freilich das vornehmste des höchsten Gottes, sei” (Athan. de incarn. et c. Arian. 8. Lthk. A. I 673f.; Epiphan. haer. 69,3 ff.; Euseb.V.C. 2,61; etc. ). Zu tief war trotz mancher Gleichheiten, die Kluft zwischen biblischen und philosophischen, und hier wieder zwischen neuplatonischen und stoischen, Gläubigen.
Neben diesen Konflikten standen noch andere zur Debatte. Wie weit sollte sich das Christentum nun auch politisch und gesellschaftlich dem Imperium angleichen. Besonders die Kirchen Nordafrikas und des Ostens zeigten hier nur wenig Entgegenkommen, gleich wohl für die Kirchen des Westens dies scheinbar kein großes Problem war. Waren doch Christen im Westen schon gesellschaftlich integriert ja sogar zu Hofbeamten aufgestiegen und in Gesellschaft und Politik zu Ehren gekommen, was bei den Befürwortern als Aufwertung des Christentums verstanden wurde.
All diese Punkte und viele andere mehr, waren zum Ende des 3. Jahrhunderts ungelöst und lähmten das Christentum zunehmend in seiner Kraft. Geradezu explosiv wurde diese Situation im beginnenden 4. Jahrhundert.
Bevor wir uns dem arianischen Streit zuwenden, müssen wir innehalten und uns über ein wichtiges Kapitel der Kirchengeschichte bewusst werden - die konstantinische Wende. Der arianische Streit ist aufs engste mit der konstantinischen Wende verbunden, ja mehr noch, dessen Bedeutung wird erst aus dieser Wende verständlich.
Die kirchliche Wende (313-337)
Kirchenhistoriker sind sich einig, weder ein Papst, noch ein Gelehrter, weder ein Bischof noch ein Reformator hat das Christentum so entschieden und nachhaltig beeinflusst wie Konstantin der Große und in dessen Folge bedingt Theodosius. Dies war so fundamental, dass bis heute die Kirche - ja das ganze Christentum in seinem Wesen römisch - konstantinisch geprägt ist.
An zwei wesentlichen Beispielen möchte ich dies aufzeigen.
Die Stellung zum Wehrdienst.
Die inhaltliche Veränderung des Christentums.
Der Pontifex Maximus und erste christliche Kaiser
Kaum eine römische Kaisergestalt hat ein solches Augenmerk auf sich gezogen wie Konstantin der Große, der von 274 bis 337 gelebt hat. Die Ursache für das Interesse an Konstantin liegt darin begründet, dass er als erster christlicher Kaiser in die Geschichte eingegangen ist. Konstantin hat nicht nur nach sehr vielen überaus grausamen Kriegen das römische Reich wiedervereint, sondern er hat als erster römischer Kaiser das Christentum öffentlich anerkannt und ins römische Imperium integriert. Aus diesem Grund sehen fast alle christlichen Kirchen mit Nachsicht auf ihren großen Gönner zurück und verherrlichen ihn bis auf den heutigen Tag. Das Christentum verdankt in der Tat diesem Kaiser einiges, denn er hat diese religiöse Gruppe, die innerhalb des römischen Reiches (insbesondere nach der Verfolgung von 303) eine Minderheit darstellte, zu nie zuvor gekannter Macht und Reichtum, ja im Prinzip zu dem großen Durchbruch verholfen, was letztendlich in der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion gipfelte. Damit wurde Konstantin zum Heiligen. Doch wie bei jeder Münze gibt es auch hier zwei Seiten, die weder für ein christliches Vorbild noch für einen Heiligen spricht. Ich will es bewusst den Großangriff Satans auf die Christenheit nennen. Trotz allem Lobgesang der Kirchen auf Konstantin haben sich von seinen Absichten und Taten so viel historische Zeugnisse erhalten, dass man mit Percy Bysshe Shelley sagen muß: „Dieses Ungeheuer Konstantin“.
Konstantin war ein schlauer und weitsichtiger aber auch grausamer, machtgieriger und skrupelloser Herrscher. Nachdem er durch überaus viele blutige Kriegszüge seine Mitherrscher aus dem Weg geräumt hatte, seinem eigenen Sohn die Kehle durchschnitt, seine Frau erwürgte, seinen Neffen, Schwiegervater und Schwager ermorden ließ (übrigens alles gängige Praktiken unter römischen Kaisern - siehe Nero, Augustus, etc.), hatte er sich als Alleinherrscher an die Spitze des römischen Reiches gesetzt. Mit unglaublicher Brutalität hat sich Konstantin an die Macht geputscht. Als Entschädigung für die überaus hohen Opfer, die, die Zivilbevölkerung bringen musste, ließ er Tausende seiner Gefangenen und Gegner - auch Christen, in die Arenen schicken, wo sie wilden Tieren zur Belustigung der Zuschauenden vorgeworfen wurden. Er versklavte wie seine Vorgänger ganze Völker und verschärfte sogar einige Sklavengesetze, die einst unter anderen Kaisern gemildert wurden. Nichts ließ Konstantin aus um seine Macht zu sichern und jeden abzuschrecken, der es auch nur im Geringsten wagte, in Opposition zu ihm zu stehen. Zugleich vermochte er aber, durch prunkvolle Auftritte, gigantische Bauwerke und reichliche Geschenke für Volk und Adel, die Massen für sich zu gewinnen. Rom hatte seit langem einen solchen Kaiser nicht mehr erlebt.
Ein Zeugnis von Konstantins Auftreten bietet uns der Bericht von Bischof Eusebius (einer der führenden Persönlichkeiten im Christentum, der später zum Hofberichterstatter Konstantins befördert wurde). Er berichtet von Konstantins Auftreten bei dem Konzil von Nicäa (325), dass zu einem der Folgenschwersten in der christlichen Geschichte wurde: “Nun trat er (Konstantin) selbst mitten unter sie (Bischöfe- die Konstantin versammeln ließ- sogar mit Gewalt), wie ein Bote vom Himmel, in leuchtenden Purpurgewand, strahlend im hellen Lichterglanz, geschmückt mit funkelnden Gold und Edelgestein. Alle seine Begleiter überragte er an Größe, Schönheit und Würde.... Er schritt bis zur vordersten Reihe der Plätze, wo mitten in der Versammlung ein Goldsessel für ihn bereitgestellt war“. Ja, wie ein Bote vom Himmel, so sahen ihn seine Lobredner, die nicht müde wurden, Konstantin als Christ und christlichen Kaiser darzustellen. So berichtet Bischof Eusebius von Caesarea weiter: „Er allein hatte ja unter den römischen Kaisern Gott, den höchsten Herrn, mit unglaublicher (!) Frömmigkeit verehrt, er allein mit Freimut die Lehre Christi verkündet, er allein seine Kirche verherrlicht wie nie einer seit Menschengedenken, er allein jeden Irrtum der Vielgötterei ausgerottet und alle Arten von Götzendienst abgeschafft“. Was für ein Christ, dieser Konstantin!? Eusebius scheint bei all seiner Lobrednerei übersehen zu haben, dass Konstantin nicht im Traum daran dachte ein Christ zu sein und erst kurz vor seinem Tod die Taufe erhielt. Konstantin hat sogar bis auf die heutige Zeit mehrfach sichtbar, diesem Wunschdenken des Eusebius durch seine eigenen Handlungen widersprochen. So zeigt der Konstantinsbogen in Rom noch heute die Insignien des Sonnengottes - Sol Invictus, dem Konstantin in ganz besonderer Weise zugeneigt war (wir werden diesem Solgott noch oft begegnen). So ließ er auch Münzen prägen die zeigen, wie die römische Siegesgöttin vom Sol Invictus begleitet wird; eine Darstellung, die auch auf dem Konstantinsbogen sichtbar ist. Ja er selbst erscheint sogar auf Münzen in Begleitung seines Sol Invictus aber auch mit den Kriegsgöttern Jupiter und Mars. Fünf Jahre nach dem Konzil von Nicäa lässt Konstantin im Zentrum seiner Macht, der Stadt Konstantinopel, eine Kolossalstatue errichten, wo er selbst als Apollon - Hellios also als Sol Invictus mit Strahlenkrone dargestellt wird. Er ließ auch als angeblich frommer christlicher Kaiser, heidnische Tempel errichten, die er auch selbst reichlich nutzte. So hat er den Apollon Tempel von Augustodunum nicht nur in besonderer Weise geschätzt, sondern auch reichlich beschenkt, worauf hin ihm sogar der Sol Invictus nebst der Siegesgöttin erschienen ist, die ihm dann persönlich Lorbeerkränze zum Zeichen seines Sieges und seiner Macht darbrachten. Konstantin hatte auch nie den heidnischen Kult verboten, ganz im Gegenteil, ihn sogar für berechtigt erklärt. Wie sollte er ihn auch verbieten, ordnete er doch 321 an, dass im Falle eines Blitzschlages auf ein öffentliches Gebäude oder gar seinen Palast, umgehend die Orakel der Tempel zu befragen sind. Geschichtsschreiber Zosimus berichtet, dass Konstantin seinen Göttern sehr dankbar war, weil er die Erfahrung gemacht hatte, man könne sich auf sie verlassen. Wohl wurde das Opfer für den Kaiser nicht mehr praktiziert, wie noch Aurelian von den Christen forderte, aber auch die Christen beteiligten sich nun an den Riten zur Bekränzung und dem Kniefall vor den Kaiserstandbildern, den Kerzen und Weihrauchprozessionen zu Ehren des Kaisers. Wie könnten sie auch abgeschafft werden, hatte doch Konstantin trotz seines angeblichen Christseins den Titel des Pontifex Maximus nie abgelegt, was nichts anderes bedeutet, er ist der höchste Götterpriester, was die Kirche selbst nach seiner Taufe noch akzeptierte, (man höre und staune, selbst die Päpste nannten sich schon bald selbst so - bis auf den heutigen Tag!). Zudem war Konstantin, trotzdem er noch nicht getauft war, auch Ehrenbischof der Christenheit. Dies alles geschieht nur 3 Jahrhunderte nach Jesus, 2 Jahrhunderte nach Paulus, Petrus und Johannes! Doch es sollte erst der Anfang sein.
Die Christen erhalten im Verlauf der Zeit und je nach Gehorsam ihren Grund und Boden zurück und erhalten nun erstmalig die Möglichkeit in aller Öffentlichkeit eigene Kirchen zu bauen, die Konstantin finanziell unterstützt. Unter Kaiser Theodosius (347 -395) wird aus der geförderten Religion eine Staatsreligion (380) die zum Erben des Imperium Romanum eingesetzt wird. Im Jahr 392 erfolgt das Verbot aller heidnischen Religionen und es beginnen die ersten großen Heidenverfolgungen und Massenhinrichtungen nicht bekehrungswilliger Heiden. 303 noch selbst verfolgt und verachtet, wird das Christentum nicht einmal 100 Jahre später grausame Rache an den Heiden nehmen und noch brutaler im Verlauf seiner Geschichte gegen Andersgläubige vergehen, als es Rom je tat.
Konstantins Kirche
Dazu eine Kopie aus dem Buch: „ 2000 Jahre Christentum“; (überall im Handel erhältlich).
-Staat und Kirche ab Konstantin den Großen-
Das sogenannte Mailänder Edikt von 313 stellte das Christentum zunächst gleich - als erlaubte Religion neben den anderen Religionen. Konstantin hatte sich nach 7 Jahren dauernder Bürgerkriegswirren im Westen des Reiches durchsetzen können. Mit dem Herrscher des Ostteils, Licinius, war er sich einig geworden: Die Christen sollten offiziell anerkannt und nicht nur schweigend geduldet werden. Es ging dem Kaiser jedoch um mehr: er wollte das Reich reorganisieren. Alle Kräften mussten zusammengefasst werden. Er verhinderte die Landflucht und die Flucht aus einzelnen Berufen durch neue Gesetze: Ordnung muß sein, ein gesundes Sozialgefüge ist unerlässlich! Jeder muß den Beruf seines Vaters übernehmen! Und über allem soll die Kirche der Integrationsfaktor im Reich sein. Die Kirche soll dort einspringen, wo der Kaiserkult versagt hatte. 315 wurde deshalb aus dieser Anerkennung mehr. Konstantin ließ ein Medaillon prägen, mit Brustbild des Kaisers in voller Rüstung. Neu daran war: der Kaiser trägt auf diesem Bild einen Helm, der mit dem Namen Christi beschriftet ist. Dazu trägt er ein Kreuzeszepter. Man könnte hier bereits eine Andeutung des „Kaisers von Gottes Gnaden“ sehen: ich, Konstantin, Kämpfer für die Kirche.
Doch einfach sich der Kirche unterstellen, das wollte Konstantin nicht. Nicht umsonst behielt er den Titel Pontifex Maximus („Oberpriester“) bei. 315 wurde die Strafe der Kreuzigung von Konstantin verboten. Aber nicht, weil der Kaiser ein Christ war und diese Folter für unchristlich hielt. Vielmehr wollte man keinem Verbrecher die Ehre erweisen, ihn mit Christus „gleichzustellen“. Das Gesetz ging also nicht gegen die Grausamkeit an sich, sondern nur gegen eine bestimmte Art der Grausamkeit. 321 wurde die Sonntagsfeier gesetzlich verordnet. Von einer lediglichen Gleichstellung der Kirche kann man da kaum noch sprechen. Die christliche Kirche erwies sich allerdings bei näherem Zusehen als nicht so einig, wie es der Kaiser im Interesse seiner Politik angenommen hatte. Schon 313 griff Konstantin in innerkirchliche regionale Auseinandersetzungen ein und beauftragte eine römische Synode mit deren Untersuchung. 314 ordnete er die erste Synode aller abendländischen Bischöfe an. Konstantin, der Pontifex Maximus, war damals noch nicht getauft und doch: er berief die Synode ein, er beauftragte die Synode. Und er versucht auch mit Gewalt die unterlegene Partei ( z.B. die Arianer, Donatisten ) „zur Vernunft“ zu bringen.
Wer herrschte in der Kirche? Der Kaiser als Oberpriester?
Mittlerweile war es jedoch in der Kirche zu heftigen Streitigkeiten gekommen. Seit 318 erregte der arianische Streit vor allem im Osten die Gemüter. 324 wurde Konstantin Alleinherrscher im Reich; er empfahl - noch auf der Grundlage der Toleranz gegenüber den alten Religionen - den Übertritt zum Christentum. Doch nun musste er sich erst einmal um die im Orient ausgebrochenen Streitigkeiten kümmern. Der Vermittlungsversuch des Hofbischofs (auch das war neu!) Hosius scheiterte, und so wurde ein orientalisches Konzil in Ancyra geplant. Mittlerweile hatte der Kaiser aber eingesehen, dass es nicht nur um eine Bagatelle ging, und berief deshalb das erste ökumenische (allgemeine) Konzil nach Nicäa ein
(325). Der Kaiser - noch immer nicht getauft - eröffnete die Synode und leitete sie auch weitgehend. Er verstand sich als „gemeinsamer Bischof“. Gleichzeitig lud er die versammelten Bischöfe (seine „Kollegen“ also) zur 20-Jahresfeier seines Regierungsantrittes ein. Der Bischof Eusebius von Cäsarea hielt eine Ansprache und würdigte den Kaiser als Erfüllung der antiken Herrscherhoffnung und der Herrscherverheißung der Bibel: Kaiser von Gottes Gnaden - diesmal aus dem Mund eines Kirchenmannes. Auf der ökumenischen Synode läuft denn auch alles nach Wunsch des Kaisers: das von ihm als Einigungsformel vorgelegte Glaubensbekenntnis wird - nicht ohne Druck - von allen akzeptiert. Der Kaiser war oberste gesetzgebende Gewalt - mit seinen Machtmitteln konnte er auch in dogmatischen Fragen einiges erreichen. In kirchlichen Verfahren war der Kaiser der oberste Richter. Bisweilen bestätigte er Bischofswahlen oder setzte selbst Bischöfe ein. Die Kirchen wurden nach dem (staatlichen) Ordnungsprinzip der Provinzen geordnet; die Provinzhauptstadt wurde Bischofssitz.
Wohin man sieht: Der Staat ist eine Macht in der und für die Kirche geworden. Was er vorher mit Kampf und Unterdrückung nicht erreicht hatte, bekam der Staat seit der Anerkennung der Kirche: Einfluss in der Kirche und auf die Kirche.
Nicht die Kirche war mächtig geworden sondern der Kaiser hat sich der Kirche bemächtigt. Konstantin bezahlte die kirchlichen Würdenträger, wodurch sie materiell abhängig wurden, ja mehr noch, er beschenkte sie mit Landgütern und richtete Kirchenstiftungen ein. Nicht zuletzt aus diesem Grund wird verständlich, dass sich Konstantin das Recht herausnahm kirchliche Würdenträger zu bestimmen und abzusetzen. Viele kirchliche Würdenträger, die in den vergangen Jahren als Kirchenführer besonders heftig unter den Verfolgungen leiden mussten, ständig auf der Flucht waren und Familien und Heimat verloren, griffen jetzt bereitwillig bei den verlockenden Angeboten des Staates zu, ohne tiefgründig zu hinterfragen, warum Konstantin dies tat. Mit jeder Kirche, die Konstantin baute, die aber dennoch Eigentum des Imperium war, mit jedem Lehensgut, das er den Kirchenfürsten übergab, die aber dennoch Staatseigentum blieben, verstrickte sich die Kirche in eine unsichtbare Abhängigkeit, die sie jedoch schon bald zu spüren bekam. Konstantin hat nicht die Kirche bekämpft sondern er hat sie gekauft und abhängig gemacht und somit in seine Gewalt gebracht.
Widerstand im wesentlichen die Kirche noch Aurelian, als er versuchte das Christentum mit dem Sol Invictuskult zu einen, so gab sich jetzt die Kirche geradezu bereitwillig diesem Ziel des Aurelian durch Konstantins Hand hin. Dies lässt sich historisch eindeutig belegen!
Die kirchliche Wende
Die Kirche hatte bis zum konstantinischen Toleranzedikt, eine sehr klare Haltung zum römischen Reich und dem Kaisertum eingenommen. So erklärte bereits Justin (165 in Rom als Staatsfeind hingerichtet): „Ein Kaiser kann kein Christ sein und ein Christ kein Kaiser (Matth.: 20/24-28)“. Hippolyt (um200) lehrte in seiner apostolischen Überlieferung: „Wer Schwertgewalt oder Verwaltung einer Stadt inne hat, wer Purpur trägt (Zeichen kaiserlicher Macht), trete ab, oder man weise ihn ab“. Tertullian erklärte: „Man kann unmöglich beiden dienen, Gott und dem Kaiser“. Deutlich wird diese Aussage Tertullians, anhand der Geschehnisse auf der Synode in Arles (314), also ein Jahr nach der Toleranzerklärung Konstantins zu Gunsten des Christentums. Konstantin drängt die Kirchenfürsten erstmals zu Kompromissen gegenüber dem römischen Staat, die erste Grundpositionen der Kirche angreifen. So wurde in Arles beschlossen, dem Imperium Romanum treu zu dienen. Die erste Folge dieser Erklärung war, alle Christen die sich dem Militärdienst versagen, werden exkommuniziert (d.h. werden aus der Kirche ausgeschlossen) und zu Feinden Roms und der Kirche erklärt.
Ebenso gilt dies für all die, die sich gegen den Kaiser und das Imperium aussprechen. Auf dieser Synode geschah etwas neues. Die Kirche legte sich zum einen selbst einen „Maulkorb“ um und zugleich gab sie biblische Grundwerte einfach auf. Nicht nur, dass sich die Kirche dem Imperium Romanum unterwarf, nein, eine Grundbedingung für das Christsein wurde der Waffendienst, um für Kaiser und Imperium zu töten. Vor der Synode wurde man aus der Kirche ausgeschlossen, wenn man für Kaiser und Reich tötete, ja überhaupt tötete, weil dies als unvereinbar mit der Lehre Jesu angesehen wurde, und nun genau das Gegenteil. Deutlich zeigt sich hier, wie recht Tertullian hat. Dieser Erlas, so wurde bekundet, sei in Übereinstimmung mit dem Heiligen Geist und den Engeln entstanden, womit seine Rechtsgültigkeit von Gott abgeleitet wurde. Konstantin schaffte es innerhalb eines Jahres das durchzusetzen, was all seine Vorgänger nicht in dreihundert Jahren geschafft hatten. Wofür Hunderte starben, weil sie sich weigerten für Rom und seine Kaiser zu kämpfen, weil ihnen die Nachfolge Jesu wichtiger war, wird nun durch dieser Synode, ihr Martyrium zum Unrecht erklärt. Mit dieser Freveltat konnte die Kirche natürlich nicht leben. Abhilfe suchte man in der Bibel, die nun dafür herhalten musste, um dies dem Volk zu erklären. Konstantin wurde einfach zum Christen erklärt - ohne Taufe, trotz seiner Zugehörigkeit zum Sol Invictuskult, der immer noch Staatskult war-, und der Kriegsdienst wurde zum Heiligen Kriegsdienst für Gott, christlichen Kaiser und damit zum gerechten Krieg erklärt. So einfach war das für die Kirche. Man bedenke, die römischen Legionäre wurden seit früheren Zeiten mit den Worten: „ Für den Gott von Rom, für den Kaiser von Rom, für das Imperium“; vereidigt. Auch hier übernahm die Kirche das heidnische Erbe.
Ende Teil 1



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