8 - Kreativ-Nachmittag

Erster! Ich war angezogen und startbereit, während Peter und Barry noch daran arbeiteten. Es war Zeit tief durch zu atmeten und ich ahnte, dass heute wieder einer der Tage werden sollte, von denen wir sagen, sie gefallen uns.
Neben mir plätscherte das Wasser von einem Becken zum anderen. Die Bauart dieses Komplexes erinnerte mich an die Sandkisten, die es in unseren Baumärkten zu kaufen gibt. Aber sicher hatte Barry dies alles in mühsamer Kleinarbeit, mit eigenen Händen gebaut. Ein Springbrunnen sprudelte Tag und Nacht. Auch das große Wasserrad stand nie still. Diese Anlage passte sehr gut in diese natürliche Umgebung. Es ist der Le-bendbereich für zahlreiche Fische, die bereits eine stattliche Größe erreicht hatten.
Mir wurde bewusst, was ich an deutschen Vorgärten nicht mag. Jeden Quadratzentimeter, der gar so kostba-ren Fläche, haben sie mit Rabatten akkurat gestaltet.
Aus der Gärtnerei werden die verschiedensten Pflanzen herangetragen, die, die bereits zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt der Blütenpracht waren, die, die ab Werk nur noch eingehen. Einige Menschen sind be-strebt mit viel Kraft und Liebe den Zeitpunkt des Verblühens hinauszuzögern. Vielleicht gelingt es manchen sogar einige Pflanzen zu vermehren. Andere hingehen scheuen sich nicht, möglichst schnell in diesen Kreis-lauf einzugreifen. Sie freuen sich, sich wieder mit neuen blühenden Pflanzen belohnen zu können und das möglichst früher als es der Nachbar es schafft.
Besonders „reizvoll“ finde ich immer wehende Preisschilder an den Blumen, Büschen oder Pflanzen. Viel-leicht geben die Käufer damit zu, dass sie sich die Namen der Pflanzen nicht merken können. Aber es sieht doch so aus, als wenn sie es tun, damit alle besser sehen können, was sie sich etwas Teures leisten haben.
Alle da! Los ging es! Barry fuhr uns im Track zu Carries Arbeit. Wir stoppten am Pförtner der Firma Allvac. Er genehmigte uns auf dem großen Gelände eine Schleife zu drehen. Überall lagen Metallteile, Rohre und Ähn-liches. Hier schuftet Carrie als Dispatcher. Sie sorgt am PC dafür, dass die Arbeitsgebiete immer die nötigen Rohstoffe haben. So ganz genau habe ich es allerdings auch noch nicht begriffen. Diese Firma ist Weltführer in der Produktion von Nickel-, Kobalt- und Titanlegierungen. Sie fertigen Spezialstähle für die Luftfahrtindust-rie an. Die hergestellten Metalle sind außergewöhnlich verschleißfest und hitzebeständig. Carries Arbeitsplatz haben wir zwar nicht gesehen, aber ich weiß jetzt, wo sie die Woche über ihre Zeit verbringt und E-Mails an mich schreibt.
Unsere Sehnsucht nach Kartoffeln, Gemüse und einem braun gebratenem Fleisch lockte uns in den Wal-Mart. Wir suchten nach einigen Zutaten, damit ich an diesem Abend ein schönes deutsches Essen vorberei-ten konnte. Wir fanden frische Koteletts und eine Dose Erbsen. Die fertigen Möhren gab es nur in Sirup, also richtig süß. Peter drehte die Dose hin und her und rümpfte die Nase. Wir stellten sie wieder in das Regal und griffen sicherheitshalber zu frischem Gemüse. Ja Semmelmehl hätte ich noch gebraucht zum Panieren. Aber das gab es nicht. So nahm ich Toastbrot mit, welches ich später nach dem Toasten rieb.
Wunderbar. Wir hatten alles zusammen, um Jana mit ihrem Lieblingsessen zu verwöhnen.
Neugierig schoben wir trotzdem weiter durch die helle und menschenleere Kaufhalle. Ich amüsierte mich über die Reste der Weihnachtsware. Überhaupt sah ja fast alles irgendwie anders aus als bei uns in Deutschland. Beeindruckend war auch das Angebot an Waffen. Verschiedene Gewehre und Pistolen standen zum Kauf in der Vitrine. Eine ganze Ecke war voll mit Angelzeug und Campingartikeln. Es gab jede Menge Tarnzeug, als Jacken, Pullover, Mützen und Gummistiefel.
Als wir am Alkoholregal vorbeikamen, entdeckten wir den gleichen Wein in rose, der uns am Abend zuvor von Barry angeboten wurde. Wir stellten einen 5 Literpack als Nachschub in unseren Korb. An der Kasse schau-te uns die Verkäuferin mit großen Augen an. Sie sprach sehr schnell, wir stutzten. Jana dolmetschte. Am Sonntag darf man keinen Alkohol kaufen. Jetzt wusste Jana es auch.
Später zu Hause sah ich, dass jemand meinem Lieblingshund frisches Wasser gegeben hat. Ein Schlauch endete im Trog, der bereits seit einiger Zeit voll war. Die Wassermenge im Zwinger hätte gereicht, um eine Schwimmstufe belegen zu können. Ich suchte und fand den Hahn zum Abstellen. Jetzt wo, ich auch den Na-men meines Freundes kannte, verstand ich sofort, dass er spazieren gehen wollte. Wir verließen das Grund-stück, überquerten die Straße und bogen in den Wald ein. „Wenn man nicht vom rechten Weg abgeht…“ so dachte ich und so sagte auch die Großmutter Rotkäppchens: „ dann wird man sich auch nicht verlaufen!“. Apropos „Laufen“ das konnte „Darley“ wirklich gut. Ein richtiger Jagdhund. Er jagte mich und zwar von einem Baum zum anderen. Sicher witterte er wilde Tiere. Vielleicht einen Hasen oder weiß der Fuchs, was da für Tiere leben. An den Bäumen waren die Ranken eines Geißblatts herauf gewachsen. Ihr Spitzname ist auch „Je länger – je lieber“. Ich versuchte, ein besonders langes Stück heraus zu brechen. Es gelang und ich fing mit den Fingernägeln an, die Rinde abzupulen. Lange Fasern ließen sich auf einmal ablösen und in kurzer Zeit zeigte sich eine helle glatte Oberfläche, wie ungelacktes Kiefernholz. Was liegt näher, als daraus einen Kranz zu wickeln.
An einer Lichtung fielen mir schon von weiten leuchtende hellgrüne Flecken auf. Es war wunderschönes Is-land-Moos. Ich breitete mein
T-Shirt aus, wie Sterntaler ihr Kleidchen, als sie den Goldregen auffangen wollte. So viel ich tragen konnte, zupfte ich ab. So trat ich voll beladen den Heimweg an.
Barry und Peter kamen gerade aus dem Haus. Sie fragten mich gar nicht erst, ob ich sie begleiten wollte. Sie wollten sich noch einiges in der Nähe ansehen. Sie stiegen ins Auto und verschwanden.
Jetzt suchte ich mein Notfall-Bastelset. Eigentlich ist es immer griffbereit in meiner Handtasche, aber in die USA war gar keine mitgekommen. Außerdem darf man Cutter und Nagelschere auch nicht im Handgepäck transportieren. So suchte ich im Koffer nach meinen Arbeitsmaterialien. Ich fand auch noch zwei kleine Ton-töpfchen von einem noch übrigen Gastgeschenk. Ein geeigneter Arbeitspatz war die Holzabdeckung des Brunnens. Weiter ging es mit meinem Kreativ-Nachmittag. Ich wickelte mit meinem Nähgarn etwas Moos auf meinem Kranz, befestigte noch einige andere Naturmaterialien und auch, die kleinen Töpfe. In einem Balkon-kasten steckte ein alter Strauß, den sicher keiner vermissen würde. Ich riss die Köpfe der Blumen ab und befestigte sie mit Draht. Perfekt! Stolz trug ich mein Werk in die Küche. Nun, wo die Weihnachtsdekoration weggeräumt war, schien fast überall etwas zu fehlen. Ich fand einen geeigneten Platz, gleich an der Ein-gangstür. Auf unserer Reise war mir aufgefallen, dass es wirklich nirgends irgendwelche Gestecke, Türkrän-ze oder ähnliches zu finden waren. Wenn es überhaupt jemand, ganz vereinzelt, mit einer Gestaltung ver-suchte, war es ein Strauß Kunstblumen in der Vase.
Ich spielte mit dem Gedanken, das Plastik-Stillleben auf dem Stubentisch zu zerstören. Es hätte sowieso nur noch einen Stoß gebraucht, dann wäre es auseinander gefallen. Ob Carrie mich wohl steinigen würde? Mit mir hätte man das nicht machen dürfen. Aber ich beantwortete mir meine Frage selbst und sammelte mutig, alle Kunstblumen, Plastikgrünpflanzen und ein paar Körbe ein.
Ich schaute neugierig in Barrys Werkstatt. Gleich auf dem ersten Blick fiel mir eine große Astschere auf. „Na Klasse!“ dachte ich und gleich schlich ich wieder zurück in den Wald, um auch ein paar dicke Ranken zu be-sorgen. Aus dem Moos wickelte ich Kugeln in verschiedenen Größen. In Kombination mit einzelnen Blumen aus meinem Fundus entstanden mehrere Gestecke und Tischschmuck. Für den Pool habe ich eine zwei me-terlange Girlande aus Buchsbaum gefertigt und mit bunten Blättern verziert.
Zum Abendbrot machen war es noch zu früh. Angel-Zeit! Ich rührte mir Teig an und schnappte Hund und Angel. Wir stiegen durch das dichte und stachlige Gestrüpp bis zum Steg. Die Angel landete schnell im Was-ser und ich überlegte, ob ich meine Schuhe ausziehe und auch die Füße eintauche. Doch da fielen mir Ja-nas Worte ein. Barry hatte erzählt: „ Da sind Blutegel und Schnapp-Schildkröten drinnen!“ Mit den Schildkrö-ten hatte er Jana sicherlich reingelegt. Aber Blutegel, das könnte schon sein. Allerdings warum sollten die Fische dann meine weiße Teigmurmel fressen? Taten sie ja auch nicht. Einmal musste ich mein Gespräch mit meinem Hund doch unterbrechen, schnell stand ich auf, das Flott war verschwunden, ich zog an, spürte noch etwas Widerstand. Vorbei! Traurig, ich war zu blöd, es war nicht zu ändern. Es stand fest: Es war der falsche Köder! Wir waren nicht traurig, es war Zeit Kartoffeln aufzusetzen.
Das bisschen Haushalt war kein Problem. Erst recht nicht, wenn man so lange wie ich, nichts gemacht hat. Ein Handgriff nach dem anderen saß, auch wenn es nicht die eigene Küche war. Pünktlich auf die Minute hatte ich das Essen fertig, alle Teller aufgefüllt und Leitungswasser aufgestellt. Carrie kam von der Arbeit und wir konnten zusammen Hamburger Schnitzel mit Erbsen und Möhren und Salzkartoffeln essen.
Ein herrlicher Brauch ist es, wenn man nach dem essen so richtig voll und träge ist, lehnt man sich zurück. Die Kinder sind dran. Unter dem Tisch wird mit den Fingern eine Zahl zwischen 1-10 gezeigt. Jeder der Kin-der hat die Chance, die Zahl zu raten. Wer dichter am Ergebnis war, musste abwaschen. Hoffentlich hat Jana dieses Spiel nicht vergessen, wenn sie wieder bei uns ist.
Carrie freute sich, über das leckere deutsche Mahl und auch über die gelungene Dekoration. Sie strahlte über das ganze Gesicht und sagte sogar in Deutsch “Danke!“