Die „gestorbene“ Chinesenfrau

In unserer Stadt hatte ich öfters eine Frau besucht, aber leider drang sie nicht recht zum Glauben durch. Sie wusste vieles vom Herrn Jesus, sie wollte glauben; sie war der engen Pforte nahe. Mit Gottes Hilfe wollte ich ihr den Weg noch besser erklären; damit sie in den Besitz der Gewissheit der Vergebung der Sünden kommen könnte.
Nun musste ich aber plötzlich auf eine Außenstation gehen und konnte die Frau nicht länger besuchen und mit ihr sprechen. Als ich von meiner Reise zurückkehrte, kam Nachricht, die Frau sei gestorben, wir möchten mit den Waisenkindern zum Singen kommen. Sie war ja keine Heidenfrau mehr, und ihr letzter Wunsch war, christlich beerdigt zu werden.
Ich war sehr getrübt, als ich erfuhr, dass sie gestorben sei, weil ich wusste, dass sie noch nicht so ganz zum wahren Glauben an Jesus Christus durchdrungen war.
Und nun war schon die Einladung da zum Abschiedsingen. Es war sehr schwer für mich, an ihr Totenbett oder zu ihrem Sarg zu gehen, wo ich ihr doch noch so manches hatte sagen wollen, damit sie nicht ungerettet hätte sterben brauchen.
Ich weinte bitterlich und sagte zu meinem Herrn: „Ach, lieber Heiland, das tut mir doch so weh, so weh; ich muss ihr ja noch manches sagen von dir.“
Die Mädchen vom Waisenhaus wurden zum Singen geschickt. Ich sagte ihnen: „Geht voraus, ich komme nach, und dann singen wir miteinander. Singt aber nur schon bis ich komme.“ – An einer christlichen Totenfeier in China wird am Totenbett oder am Sarg ein Lied nach dem anderen gesungen. –
Die Mädchen gingen also weg, um zu singen. Als ich unterwegs war, kamen die Mädchen ganz aufgeregt entgegen. „Ja, seid ihr nicht am Singen?“, fragte ich sie. „Warum kommt ihr schon wieder, wir müssen doch singen.“
„O, Missionarin“, entgegneten sie, „wir haben uns dermaßen entsetzt! Als wir neben der gestobenen Frau sangen, öffnete sie plötzlich ihre Augen und guckte uns an. Da bekamen wir es mit der Angst zu tun und rannten davon.“
„Was“, rief ich erstaunt, „die Augen aufgemacht? Ist sie denn nicht gestorben? – Kommt nur mit mir“, ermunterte ich die Mädchen, „wir wollen schauen gehen. Wenn sie die Augen wieder aufmacht, dann singen wir ihr andere Lieder.“
Und tatsächlich, die Frau hatte ihre Augen geöffnet, als ich kam. Sie war tief bewusstlos gewesen, und das bezeichnen die Chinesen auch als „tot“. Nun war sie aus der Bewusstlosigkeit wieder erwacht. Wie freute ich mich. Jetzt konnte ich ihr doch noch sagen, was ich sagen wollte, damit sie Jesus als ihren persönlichen Heiland annehmen konnte und gerettet in die Ewigkeit gehen durfte. Ich konnte mit ihr reden; sie war noch ganz klar und verstand alles. Ich herzählte ihr von Jesus, und die Mädchen sangen Hoffnungs- und Heilslieder. Die Grablieder konnte man für später aufsparen; jetzt aber musste noch ein Freudenfest gefeiert werden. Plötzlich ging der Frau ein Licht auf, und sie wurde ganz verändert, ganz froh und glücklich.
Ich sagte zu den Angehörigen, die nicht aus dem Staunen herauskamen: „Die Frau ist ja steif und kalt. Holt mal Wärmflaschen, soviel ihr findet, oder auch heiße Steine, damit sie sich wieder erwärmen kann.“
Rasch führten sie den Auftrag aus, und bald kehrte wieder Wärme in den bereits erstarrten Leib zurück.
Ich konnte noch lange mit ihr reden, und die Mädchen sangen ihr viele ermunternde Lieder. Die Frau wurde so fröhlich und glücklich, dass ich die feste Überzeugung hatte, dass Jesus in ihr Herz eingekehrt war.
Als wir uns nach längerer Zeit verabschiedeten, sagte ich zu ihr: „Auf Widersehen im Himmel“. Sie dankte und freute sich, bald in den Himmel gehen zu dürfen.
Froh und erleichtert kehrte ich mit den Mädchen nach Hause zurück.
Wir waren noch nicht lange zu Hause, als ein Bote ankam und mitteilte, die Frau sei jetzt richtig gestorben, wir sollen zum Singen kommen. Da mussten wir fast lachen, als wir hörten, sie sei jetzt richtig gestorben.

Elisabeth Seiler
(ehem. Missionarin in China) erzählte ihre Erlebnisse im Buch „Wunderbar sind Seine Wege“