Als der Ramban einmal einen kranken Schüler besuchte, sah er, daß dessen Tage gezählt waren und daß sein Schüler bald den wahren Lohn für sein Leben erhalten würde.
«Höre, mein Sohn», sagte der Ramban, «du wirst bald von dieser Welt scheiden und in die wahre Welt eintreten. Fürchte dich nicht, denn du hast ein rechtschaffenes Leben auf dieser Erde geführt. Deine Seele wird von hier scheiden und wird versuchen, in die himmlischen Sphären einzudringen, in denen der Geist der Heiligkeit wohnt. Aber Schutzengel werden dir den Eintritt verwehren. Sie werden deinen Weg versperren. Daher werde ich für dich ein Amulett herstellen, das dir alle Türen öffnen wird. Wenn du an die höchste Stelle kommst, möchte ich, daß du viele Fragen stellst, die mich in dieser Welt beunruhigt haben. Fragen darüber, wie Israel behandelt wird, und warum es so leiden muß. Wenn du die Antworten erhältst, möchte ich, daß du im Traum zu mir kommst und mir die Antworten mitteilst. Schwöre mir, daß du meine Bitte erfüllen wirst.»
Der Schüler schwor, und der Ramban schrieb viele Fragen auf, die ihn bedrängten. Ein paar Tage später starb der Schüler.
Eine Woche darauf kam der Schüler im Traum zum Ramban. «Wo bist du jetzt?» fragte der Ramban. «Ich bin jetzt im «Gan Eden - im Paradies», antwortete der Schüler. «Hast du es so gemacht, wie ich es dir gesagt habe?» fragte der Ramban.
«Wisse, mein verehrter Lehrer», antwortete der Schüler, «daß ich alles getan habe, was Ihr mir gesagt habt. Wo immer ich mein Amulett vorzeigte, öffneten sich die Türen vor mir, bis ich zu der 'Schechina -dem Einen Heiligen', gesegnet sei Er, kam. Aber als ich Ihm unsere Fragen stellen wollte, bemerkte ich plötzlich, daß ich keine Fragen zu stellen hatte. Denn dort oben ist alles 'Emet - Wahrheit', und alle Wege Gottes sind wahr und gerecht.
Aller Zweifel fiel von mir ab und ich sah, daß alles uns zum Wohl getan wurde. Ich schwieg beschämt darüber, daß ich je etwas anderes gedacht hatte. Ihr sterblichen Menschen, die ihr in einer Welt voll falscher Vorstellungen lebt, habt viele Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes, denn ihr lebt inmitten von Verrat und Lügen, aber wenn ihr in diese Welt der Wahrheit kommt, werdet auch Ihr, mein verehrter Meister, die Weisheit und Gerechtigkeit unseres Schöpfers erkennen.»
Aus: „Rabbinische Weisheiten zu den Sprüchen der Väter“



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