Pinchas Lapide meint in seinem Buch "Ist die Bibel richtig übersetzt?", daß Iskariot ursprünglich Sikkarius bedeuten könnte. Wenn dem so ist, dann gehörte Judas zur radikalsten Gruppe seiner Zeit, die für die Reinheit des Judentums und gegen die römische Besatzung eintrat. Dafür spricht die Autorität Judas' unter den Jüngern. Keinem kommt es in den Sinn, daß er der Verräter sein kann. Auserdem besitzen die Jünger zwei Schwerter Luk. 22:38, bei Jesu Festnahme wird nur ein Schwert benutzt, von Petrus. War das zweite vielleicht bei Judas? Als Sikkarier (ein Dolchmann) konnte er eins haben. Und dann wird auch verständlich warum ihn sein Verrat reute als Jesus den Römern überliefert wird. Keine Zusammenarbeit mit den Römern!
Aber das sind nur Vermutungen und Spekulationen.
Eins steht fest: die Autorität Judas' unter den Jüngern. Vielleicht teilweise aufgrund seines "Dienstes"?, er war ja der Kassenträger. Das er das Geld aus der Kasse veruntreute, ist nur ein Übersetzungsfehler. Sein Diebstahl bestand darin daß er die Kasse bei sich trug, was Jesus ihm nicht aufgetragen hat. Denn es war gegen die Bergpredigt Jesu (Matt. 6:19-34). Mehr noch, Jesus hatte es ausdrücklich verboten Matt. 10:9,10. (Aber wie oft dienen wir mit unseren natürlichen Fähigkeiten, die nicht durch das Kreuz gegangen sind, dem Herrn und der Gemeinde? So ein Dienst kann von fleischlichen Christen sehr positiv gewehrtet werden. Und je höher so ein Dienst angesehen wird, desto weniger Ktitik vertragen wir.)
So war es auch bei Judas: als Jesus seine Meinung nicht teilt (Joh. 12:4-6), wendet er sich gegen Jesus (Matt. 26:14-16).
Als Jesus beim Abendmahl den Jüngern sagt, daß einer von ihnen ihn verraten wird, fragt auch Judas, unter anderen, ob nicht er es ist, um zu wissen, wie viel Jesus weis. Und ihm wird klar, daß Jesus weis bescheid. Dann bekommt er es mit der Angst, vor allen entlarvt zu werden, zu tun. Als er dann Jesus mit einem Jünger flüstern sieht, und das Stück Brot aus Jesu hand, mit den Worten: "Was du tust, tue bald", bekommt, weis er daß noch einer eingeweiht ist. Weiterer Verbleib wird ihm gefärlich und er geht und führt seinen Plan aus.
Allerdings, als er sieht, daß Jesus den Römern ausgeliefert wird, reut ihn seine Tat, und er versucht sie gut zu machen. Aber vergeblich. Dann geht er und erhängt sich. Warum? Seit dem Sündenfall versteckt der Mensch sich hinter einer Fassade. Und seine grösste Angst besteht darin, daß jemand hinter diese Fassade blicken könnte. Und um diese Fassade zu wahren lügt er längst und quer. Und je mehr er seine Fassade liebt, desto grösser ist die Katastrophe, wenn diese Fassade fällt. Wie viele enden dann mit Selbstmord?
Petrus kehrt ja auch zu seiner ursprünglichen Beschäftigung, dem Fischen, zurück. Denn er erachtet sich für unwürdig dem Auftrag Jesu nachzukommen. Und Jesus muß ihm den Auftrag wiederholen. "Denn unwiederruflich sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes." (Röm. 11:29.) Gott hat uns ja erwählt und berufen nicht weil wir so gut sind und es verdienen, sondern weil er es so wollte, obwohl er uns besser kennt als wir selbst. Diese Erkenntnis hatte Judas nicht. Denn die ganze Zeit, hat er sich nicht damit beschäftigt, Jesus besser kennen zu lernen (wie Petrus), sondern war voll und ganz mit seinem "Dienst" beschäftigt. Das ist der Weg Kains, wenn wir unser Werk mehr lieben als die Person, für die dieses Werk getan wird. Dann kommt der Zustand Bileams, wo wir unser Ansehen, das wir durch unser Werk erreicht haben, mehr lieben als die Wahrheit. Und dann bleibt uns nur noch das Ende Koras.
"Doch das, was ich früher für Gewinn hielt, das habe ich um Christi willen für Verlust zu achten gelernt; ja, ich achte sogar unbedingt alles für Schaden gegenüber der unendlich wertvolleren Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn." (Phil. 3:7,8.)
Und je besser wir Jesus kennenlernen desto mehr verwandeln wir uns in sein Bild.
Wenn wir aber in der Erkenntnis Christi nicht wachsen, dann können wir im Notfall eine positive Entschedung nicht aus dem Nichts greifen. Unsere Entscheidungen kommen nur aus dem, was wir über Jesus gelernt haben. Da Judas Jesus nicht wirklich kennengelernt hat blieb ihm nichts anderes übrig als selbstmord. Denn er, an Jesu Stelle, hätte nie einen Verrat verziehen.



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