Jüdische Bedeutung der Redewendung „Auge um Auge und Zahn um Zahn“
Mt 5,38 Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn. 39 Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen

Ist das nicht ein deutlicher Beweis für die Rachsucht, die in der jüdischen Bibel gelehrt wird und von der Milde und Versöhnlichkeit, die die christliche Bibel empfiehlt?

So einfach ist die Sache aber nicht, und vor allen Dingen ist es nicht erlaubt, ein Zitat aus dem Zusammenhang, in dem es überliefert ist, herauszureissen und es abgelöst von seinem Zusammenhang zu bewerten. Das ist unehrlich und führt zu einem schiefen Urteil.
Wollen wir der Wahrheit auf den Grund kommen, so müssen wir uns dreifachem unterziehen:
1. Wir müssen suchen, in welchem Zusammenhang das Wort in der Torah steht um den richtigen Sinn zu verstehen.
2. Wir müssen untersuchen, wie das spätere jüd. Schrifttum sich über Sinn und Deutung aussagen.
3. Wir müssen untersuchen, was die Worte Jesu der Forderung „entgegen“ stellt,

Das Wort Auge um Auge (oder Auge für Auge) steht an drei Stellen: a) 2. Mo 21,22 ff, b) 3. Mo 24,17 ff und c) 5. Mo 19,16 ff.

Das 21. Kapitel, nachdem in KP 20 die 10 Bundesworte gegeben wurden, beginnt mit: „Dies sind die Rechtsbestimmungen, die du ihnen vorlegen sollst.“ Es handelt sich also um Rechtssatzungen im Bundesbuch (Kp 21 bis 23), das sich unmittelbar an die Offenbarung anschliesst und dem das jüdische Recht in seinen allerersten Anfängen niedergelegt ist, als ein kurzer Abriss des alten jüdischen rechts.

Es wendet sich an den jüdischen Richter und verlangt von ihm in eindringlichen Worten strenge Gerechtigkeit und Unparteilichkeit. „Du sollst das Recht des Armen nicht beugen in einer Streitsache. Von einer lügenhaften Sache halte dich fern und eine Unschuldigen und Gerechten bringe nicht um; denn ich spreche keinen frei, der schuldig ist. Und Bestechung nimm nicht an; denn die Bestechung macht Gehende blind und verdreht die Worte der Gerechten.“ (Kp 23,6-8)


Hier finden wir folgende Stellen:
2. Mo 21,22-25 „Wenn Männer sich streiten und eine schwangere Frau stossen, so dass eine Frühgeburt eintritt ohne dass der Frau Schaden geschieht, so soll eine Busse entrichtet werden, wie sie der Ehemann der Frau ihm (dem Täter) auferlegt, und er soll sie bezahlen dach dem Sprich von Schiedsrichten. Geschieht aber der Frau ein Schaden, so sollst du Leben geben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuss um Fuss, Brandwunde um Brandwunde, Stichwunde um Stichwunde, Hiebwunde um Hiebwunde“

3. Mo 24,17-21 „Wenn jemand irgendeinem Menschen erschlägt, so soll er mit dem Tode bestraft werden. Und wer ein Stück Vieh erschlägt, soll es ersetzen, Leben um Leben (!!). Wenn jemand seinem Nächsten eine Körperverletzung beibringt: so wie er getan, so soll ihm geschehen. Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn; wie er einem Menschen eine Körperverletzung zufügt, so soll sie ihm zugefügt werden. Wer ein Vieh erschlägt, soo es ersetzen; wer einen Menschen erschlägt, der soll getötet werden.“

5. Mo 19,16-21 „Wenn ein frevelhafter Zeuge gegen jemanden auftritt, um gegen ihn wegen einer Übertretung auszusagen, so sollen die beiden Männer, die den Streit haben, vor den Ewigen hintreten, vor die Priester und die Richter, die in jenen Tagen da sein werden. Und die Richter sollen sorgfältig untersuchen; und wenn der Zeuge ein lügenhafter Zeuge war, wenn er gegen seinen Bruder Lüge ausgesagt hat: so soll man ihm tun, wie er seinem Bruder zu tun gedachte, und soll das Böse aus deiner Mitte hinwegtilgen. Die übrigen aber sollen es hören und sich fürchten und nicht wieder solches “Böse in deiner Mitte verüben. Und dein Auge soll keine Schonung kennen: Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuss um Fuss“.

So haben wir nun diese 3 Bibelstellen aufgeführt, wo diese Redewendung benutzt wird, so wollen wir den Zusammenhang feststellen, in welcher die Redewendung steht.

Zunächst 2. Mose 21: Zwei Männer streiten und ein Unglück geschieht, dass sie beim Raufen eine schwangere Frau stossen und es geschieht ein gesundheitlicher Schaden. Natürlich hat keiner der Männer der Frau ein Leid zufügen wollen. Es liegt also keine vorsätzliche Tat (Körperverletzung oder Mord) vor, sondern durch Fahrlässigkeit wurde Schaden beigefügt.

Nun steht aber einige Sätze früher: „Wer jemanden totschlägt, soll getötet werden. Hat er es jedoch nicht beabsichtigt, hat Gott es vielmehr in seine Hand geführt, so habe ich dir einen Ort bestimmt. Wohin du fliehen kannst“ Kp 21,12 u. 13). Auf fahrlässige Tötung setzt das Bundesbuch also keine Todesstrafe, es gewährt vielmehr das Asylrecht. Somit treffen ihn die Worte „Leben um Leben“ nicht als ein Todesurteil.

Was sonst aber sollen die Worte bedeuten? Darüber gibt die Stelle in 3. Mose 24 Aufschluss: „und wer ein Stück Vieh erschlägt, soll es ersetzen, Leben um Leben“. Das Gesetz fordert mithin vollen Schadenersatz für das ums Leben gebrachte Tier. Und für diesen Schadenersatz braucht die hebräische Sprache die Redewendung: „Leben um/für Leben“. Daraus aber folgt ohne weiteres, dass auch „Auge um Auge, Zahn um Zahn…“ nicht etwa bedeutet, dass demjenigen, der einen andern um ein Auge gebracht hatte, von Gerichts wegen ein Auge ausgeschlagen usw werden soll.
Sondern die Redewendung bedeutet:
Der Richter hat nach strenger Gerechtigkeit zu verfahren, er darf weder zu grosse Strenge noch zu grosse Milde walten lassen. Strengste Gerechtigkeit, strengste Unparteilichkeit so die Richtschnur des jüdischen Richters sein.
Eine Forderung die an verschiedenen Stellen betont wird: 2. Mo 19,15; 5. Mo 16 und 17.

Nach strengster Gerechtigkeit hatte ein Richter sein Urteilsspruch zu fällen. Genau und gewissenhaft musste er den Schaden des Klägers anschätzen und der Abschätzung entsprechend die Strafe über dem Beklagten verhängen- Das ist der Sinn der Redewendung „Auge um Auge…“.


In dieser Auffassung werden wir noch bestärkt, wenn wir noch die 3. Stelle in 5. Mose ansehen. Diese Stelle bestimmt nämlich den Zweck der Strafe!
Die einen meinen, die Strafe wird verhängt, weil ein Unrecht begangen worden ist, das ist das Prinzip der Vergeltung, kein Unrecht darf unbestraft bleiben, denn „Rache muss sein“.
Demgegenüber aber wird gelehrt, dass die Strafe nicht verhängt wird mit Rücksicht auf die Vergangenheit, sondern im Hinblick auf die Zukunft. Nicht der Befriedigung des Rachegefühls soll die Strafe dienen, sondern vorbeugend soll sie wirken, sowohl auf den, der sich vergangen hat, wie auch auf die anderen.
Nicht weil gesündigt worden ist, wird die Strafe verhängt, sondern damit in Zukunft nicht gesündigt werde.
Und genau davon spricht nun dies 3. Stelle in 5. Mose. Nicht die Vergeltung ist hier mit dem Ausspruch „Auge um Auge“ gemeint, sondern die „Abschreckung“, das Bewahren.

Wenn „Auge um Auge“ wörtlich befolgt würde, so hätte der Geschädigte keinerlei nutzen und Hilfe. Es wäre ihm schlichtweg durch den Richter kein Recht zugesprochen worden. Weiter begründen die Bestimmungen auf strenge Gerechtigkeit, und nicht auf Grausamkeit (Hände abschlagen usw..). In der Praxis eigentlich undurchführbar. Wenn nur ein Drittel des Augenlichtes verloren ging, wie kann man einem Menschen solchen Schaden genau gleich beifügen?


Im Talmud bildet das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ einen Streitpunkt zwischen den Pharisäern und Sadduzäern. Letztere waren Vertreter des Buchstabensglaubens, sie hielten sich an den Buchstaben der Schrift und lehnten die die Anerkennung jeder mündlichen Überlieferung ab. So auch in unserem Falle: „Auge um Auge“ bedeutete für die Sadduzäer tatsächlich, dass derjenige, der seinen Nächten um ein Auge bringt, mit dem Verlust des eigenen Auge zu bestrafen sei. Das gleich lehrte im Mittelalter die Sekte der Karäer, die wie die Sadduzäer jede Verbindlichkeit der mündlichen Tora ablehnten.
Die Pharisäer jedoch traten der Auffassung der Sadduzäer in aller Schärfe und Entschiedenheit dagegen. Und ihre Auffassung setzte sich durch. Und so lehren auch sämtlich jüdische religionsgesetzliche Schriften

„So wie er getan, so soll ihm geschehen“. Muss das nicht wörtlich verstanden werden? In Richter 15,11 steht die gleiche Redewendung. Simsons Schwiegervater nimmt Simson seine Tochter wieder weg und gibt sie einem anderen zur Frau. Aus Wut darüber zerstörte Simson die Getreidefelder der Philister mit den Füchsen und den Fackeln. Und Simson sagte nach der Frage, warum er das getan hatte: „So wie sie mir getan, so habe ich ihnen getan“. So meint der Spruch: „Ich habe sie nach Gebühr bestraft“.