Du wirfst hier eine ganze Menge an Fragen auf, die in sich so nicht allgemeingültig beantwortet werden können, da, wie du schon selbst feststellst, ein jeder die Gewichtung der Bibeltexte anders wertet.

Paulus selbst sagte im Bezug auf einige Schriftwerke (die Bibel gab es als Kanon damals noch nicht) „Prüft alles und das Beste behaltet“. Auf welche Schriften sich Paulus hier genau bezog bleibt allerdings sein Geheimnis. Hier wäre aber schon einmal ein Anhaltspunkt, wie man mit Schrifttexten umgehen sollte. Das schließt allerdings in sich ein, dass man alles Prüfen – sprich - kritisch hinterfragen muß, um dann zum Besten zu gelangen. Und es bedeutet auch, es obliegt einen jeden Menschen selbst für sich die Auswahl zu treffen. Ja und nicht zu vergessen sei hier, wie Paulus selbst mit dem griechischen Schriftgut / Septuaginta umging. Von den zweiundachtzig Septuaginta Zitaten in den Paulusschriften, stimmen 30 mit der Septuaginta überein, 36 weichen von ihr ab und enthalten Zusätze, zwölf Zitate lassen den Ursprung noch in der Septuaginta erkennen doch werden sie gänzlich ihres Sinnes beraubt, bei den restlichen sechs Zitaten, die sich angeblich auf die Septuagintaversion berufen, gibt es keinerlei Vergleichsstellen. Nicht mitgezählt sind die vielen Zitate aus den sog. Pseudoepigraphenschriften, die offensichtlich für Paulus auch einen nicht unerheblichen Stellenwert hatten.

Es fragt sich darüber hinaus, wenn „Gott“ dem Menschen eine heilige Schrift geben wöllte, warum schrieb „Gott“ diese nicht selbst? Warum überlies er dem fehlerhaften Menschen dies zu tun, mit aller Konsequenz der Irrungen und Verwirrungen und vor allem einer unglaublichen Interpretationsmöglichkeit bis hin zur möglichen Legitimierung von schlimmsten Verbrechen mittels dieses Schriftgutes. Hätte es nicht „Gottes“ Anliegen sein müssen, dem Menschen absolute textliche Klarheit zu verschaffen? Auch zu erwähnen ist, dass hinzu das überaus große Problem der Übersetzbarkeit der Texte kommt, die bis heute die Linguistiker, Religionswissenschaftler, etc vor unlösbare Probleme stellt. Oder wie Martin schon Luther schon in seiner Vorrede zum deutschen Psalter schrieb: „Allen Meistern und Klüglingen, 50 Gulden, wenn sie ihm das Wort „Chen“ durch und durch in der Schrift verdeutschen könnten“. Oder: „Was ist es doch für ein beschwerliches Werk, die hebräischen Propheten zu zwingen deutsch zu reden. Wie sträuben sie sich, da sie ihre hebräische Ausdrucksweise nicht verlassen und sich dem groben deutsch nicht anpassen können, gleich als ob man eine Nachtigall zwänge, ihren melodischen Gesang aufzugeben und den Kuckkuck nachzuahmen, dessen eintönige Stimme sie verabscheut. (Aus: Luther 14. Juni 1528 – Brief an Wenzelaus Link).
Letztlich reiht sich auch die Frage hier ein, wieso es fast 400 Jahre heftigster innerkirchlicher Konflikte bedurfte, um zu einem halbwegs verbindlichen Schriftwerk zu gelangen, der dann als heilige Schrift postuliert wurde und doch innerhalb der Christenheit noch immer umstritten ist? Bedurfte es wirklich solcher Schritte, die letztlich nur Zerwürfnisse brachten und eben keine Einigung? War dies wirklich Gottes Absicht? Wer hat nun letztlich Recht im Kanonsstreit, die katholische Kirche, die evangelische Kirche, die koptische Kirche oder die äthiopische Kirche, etc?

Gerade die christliche Theologie ist ein Paradebeispiel dafür, wie viele Interpretationsmöglichkeiten dieses Schriftgut in sich birgt, in dessen Folge es zu unfassbaren blutigen Religionskriegen, Völkermorden, Ausgrenzungen, Spaltungen, etc kommen konnte, die bis heute nicht beseitigt sind, sondern sich kontinuierlich fortsetzen.
Liegt es daran, dass der Mensch nicht in der Lage ist die Botschaften Gottes in der Bibel richtig zu deuten, oder liegt es eher daran, dass es keine absoluten Antworten gibt, sondern viele Antworten und noch mehr Fragen?

Selbst der Koran, der angeblich von „Gott“ diktiert wurde, hinterlässt die gleichen Spuren von zwischenmenschlichen Zerwürfnissen und Spaltungen auf Grund der Schrift. Das sollte schon nachdenklich machen.
Daran schließt sich natürlich die Frage, ist nun „Gott“ Israelit, weil ES einst Israel heilige Schriften gab, ist „Gott“ später dann Christ geworden, weil ES Christen ganz gegensätzliche Schriften gab und folglich später dann Moslem, weil ES mit ganz „neuen“ – allerdings ganz ähnlichen Schriften / bis hin zur Wortwörtlichkeiten - den Islam schuf?

Die Frage die sich mir stellt ist, wie viel Schriftwerke bedarf ein Mensch um „Gott“ wirklich aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit all seinem Sein zu folgen?


Absalom