@Zeuge
Das wir in allzu hektischen und kurzlebigen Moden unterworfenen Zeiten leben, in denen das bewusste Denken und der achtsame Umgang miteinander viel zu kurz kommt, sei Dir hiermit vollumfänglich eingestanden, das sehe ich genauso!

Das aber all die bibellesenden Menschen, die dann in ihrer individuellen Interpretation des Gelesenen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, alle nicht richtig denken können, oder wollen und deshalb zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, halte ich für Unsinn.


Die Bibel ist nunmal kein derart eindeutiges Werk, dass es in der Auseinandersetzung mit ihr nicht zu unterschiedlichen Interpretationen kommen könnte. Und ich halte dies auch nicht für einen Mangel, sondern finde im Gegenteil, dass der Reichtum der Schrift gerade darin begründet liegt, dass sie im Kopf des Lesers/der Leserin, unterschiedlichste Bilder hervorzurufen vermag, die dann übertragen auf die jeweils individuelle Lebenssituation des einzelnen Menschen, ganz persönliche Assoziationen hervorzurufen vermag, die den Menschen ganzheitlich, in seinem individuellen Sein, Weisheit und Lehre, Trost und Mut zuzusprechen versteht.

Nur wenn die Bibel als absolut gesetztes und unmissverständlich und eindeutiges Wort Gottes, als keinen Interpretationsspielraum zulassendes Werk betrachtet wird, das für jeden auf gleiche Weise verbindlich ist, müsste man hier einen Mangel erkennen und sich zudem noch sehr darüber wundern, dass es ganz einfach eine derart gestaltete eindeutige Interpretation noch nicht gibt und das nach vielen tausend Jahren biblischer Exegese.

Für derart denkfaul, oder -unffähig halte ich die Menschen nun auch wieder nicht und wenn ich die vielen positiven Gottesoffenbarungen, egal ob im Traum oder sonstwie, berücksichtige und es tatsächlich möglich wäre eine positive Aussage über Gott zu tätigen, dann müsste es doch auf Grundlage eines Minimalkonsenses möglich sein, einen Glauben größtmöglicher Einheit im Kontext biblischer Überlieferung, zu verwirklichen.

Aber warum geschieht gerade das eben nicht und dies nach vielen tausenden von Jahren biblischer Interpretation? Die Unterschiede der jeweiligen Konfession und Denomiation werden im Gegenteil ja eher noch feiner, streben in die Vielfalt hinaus, anstatt in Einheit zusammen zu kommen und sind so Ausdruck einer Individualgesellschaft, in der jeder, seinem Glauben gemäß, das für ihn passende herauspickt.

Nur in einer negativen Theologie, in der keine positive Aussage über Gott möglich ist und keine positive Aussage seiner Transzendenz gerecht wird, kann die Erkenntnis der Einheit nicht nur vollzogen werden, sondern ist sie bereits substantiell vollzogen, nämlich in Gott, der diese Einheit ist.
Hier wird der Blick nämlich nicht nach außen, auf die Vielfalt, die Unterschiede gelenkt, sondern er geht nach innen, in die Einheit, die bereits substantiell in Gott vollendet ist.

Meister Eckhart sagt dazu: Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes wie Zeit und Raum (d.h. die kompletten weltlichen Strukturen und alles was dazugehört). Zeit und Raum sind Stücke, Gott aber ist Eines. Soll daher die Seele Gott erkennen, so muss sie ihn erkennen oberhalb von Zeit und Raum; denn Gott ist weder dies noch das, wie diese (irdischen) mannigfaltigen Dinge (es sind): denn Gott ist Eines. Soll die Seele Gott sehen, so darf sie auf kein Ding in der Zeit sehen; denn solange die Seele der Zeit oder des Raums oder irgendeiner Vorstellung dergleichen bewusst wird, kann sie Gott niemals erkennen. Wenn das Auge die Farbe erkennen soll, so muss es vorher aller Farbe entblößt sein. Soll die Seele Gott erkennen, so darf sie mit dem Nichts nichts gemein haben. Wer Gott erkennt, der erkennt, dass alle Kreaturen (ein) Nichts sind. Wenn man eine Kreatur gegen die andere hält, so scheint sie schön und ist etwas; stellt man sie aber Gott gegenüber, so ist sie nichts.
Und weiter: Daher soll deine Seele allen Geistes bar sein, soll geistlos dastehen. Denn, liebst du Gott, wie er Gott, wie er Geist, wie er Person und wie er Bild ist, - das alles muss weg. ‚Wie denn aber soll ich ihn lieben?‘ – Du sollst ihn lieben wie er ist ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch: wie er ein lauteres, reines, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit. Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts. Dazu verhelfe uns Gott. Amen. (Klammerzusätze von Provisorium)

Will man der Bibel gerecht werden, darf man sie nicht als eindeutigen Weg zu Gott betrachten, als eindeutige Wegbeschreibung, sondern als stärkende Nahrung auf dem Weg zu Gott, der ein Weg nach innen ist und sich im Tod vollendet, wo die weltlichen Strukturen ebenfalls ihr Ende finden und alle positiven Aussagen über Gott ihr Ende finden und jede Unterschiedenheit ihr Ende findet...

LG
Provisorium