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Baum-Darstellung

  1. #9
    samu Gast

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    Shalom Celavie,

    erstmal danke für den Text. Der Tenor ist positiv und doch stimmt er mich gerade aus jüdischer Sicht nachdenklich. Es wäre in diesem Fall doch etwas weiser gewesen mit jüdischen Menschen so etwas zu erarbeiten.

    Ich möchte um der Verständigung willen auch das ganz konkret begründen und hoffe dadurch einen kleinen Beitrag zum jüdischen Verständnis einfügen zu können. Denn es gehören zum Dialog immer zwei und nicht nur eine Seite.

    1. Juden und Christen leben in der Bindung an denselben Gott, auch wenn sich Glaube und Leben beider Gemeinschaften auf unterschiedliche Weise Ausdruck verschaffen.
    Bereits dieser Satz offenbart eine ganz große Schwierigkeit. Zum einen wird die Bindung an denselben Gott erkannt und zugleich wird der Glaube an denselben Gott als unterschiedlich betont. Wie ist das möglich?

    2. Die Kirche ist durch Jesus Christus mit der sehr viel älteren Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel auf Dauer verbunden.
    Hier wird ein jeder Jude ernsthafte Nachfragen stellen müssen. Jesus war Jude und lebte niemals außerhalb der Grenzen seines Judentums, außerhalb den Grenzen seiner mosaischen Religion. Wie kann es dann möglich sein, dass mosaische Religion und christliche Religion so fremd gegenüber stehen?

    3. Christen haben mit Juden deren Heilige Schriften (Jüdische Bibel / Altes Testament) gemeinsam und sie bekennen sich zu dem Juden Jesus von Nazareth als Messias. Durch beide Tatbestände stehen Christen in einem besonderen Verhältnis zum jüdischen Volk.
    Dieser Punkt ist leider nicht wahr und ich gäbe viel dafür, wenn der erste Satz des 3. Artikels stimmen würde. Wahr ist, das christliche A.T. beruht im Wesentlichen auf der Septuaginta, welche vom Judentum einstimmig als Schriftfälschung schon seid über 1900 Jahren verworfen wird. Gerade bei diesem Punkt bleiben christliche Theologen (aus Verlegenheisgründen) einer vollen Anerkennung des hebräischen Tanach (aus theologischen Gründen) schuldig. Der zweite Satz erscheint mir unverständlich.


    4. Die Erwählung Israels (die Zuwendung Gottes zu Israel) ist deshalb, weil Israel Jesus nicht als Messias anerkennt, nicht beendet. Sie bleibt vielmehr nach Aussage des Neuen Testaments gültig (Paulus, Römerbrief, Kap. 9-11, bes. Kap. 11). In der Kirchengeschichte ist dies zum Schaden von Juden und Christen oft vergessen, verdrängt oder bestritten worden.
    Lobend seien hier die letzten Sätze zu nennen. Der erste Satz ist jedoch nur bedingt richtig. Dem Judentum stellt sich eine Messiasfrage, aus ihrem Religionsverständnis, überhaupt nicht.
    Wir sprechen hier von zwei ganz verschiedenen Grundvorstellungen. Alles Hoffen und Erwarten Israels gilt einzig Gott, welcher dann auch über das kommen des Messias entscheiden wird (was Jesus selbst sogar so aussagt.)


    5. Die Beziehung von Christen zu Juden schließt die Achtung der jüdischen Gemeinschaft in ihrem Selbstverständnis ein. In einem durch Achtung bestimmten Verhältnis sind stets auch kritische Fragen in bestimmten, konkreten Zusammenhängen möglich.
    Auch hier ein Lob an den Vorsatz. Der letzte Satz sollte jedoch nicht nur von „möglich“ sprechen, sondern von notwendig. Denn Juden haben, auch aus ihrem neu erlangten religiösen Selbstbewusstsein (nach 1700 Jahren verordneten Schweigen), etliche Anfragen an das Christentum und sein religiöses Selbstverständnis und das ist und wird nicht unbedingt zu leichten Antworten führen. Gerade Martin Buber hat hier vor zu hohen Erwartungen gewarnt.

    6. Das "Gesetz" (= die 5 Bücher Mose / die Tora) hat in biblisch-jüdischem Verständnis eine sehr viel reichere Bedeutung als das Wort "Gesetz" in christlicher Sicht. Für Israel ist das Gesetz / die Tora Unterpfand der Erwählung und bindendes Wort Gottes, Gabe und Verpflichtung.
    Ist es Unwissenheit? Schon das zweite Wort wird einen Juden verschrecken müssen. Denn in Wirklichkeit ist Tora und Mitzwoth Wegweisung und nicht Gesetz. Kein Gesetz der Welt kann zu Glauben, Hoffen, Lieben und Herzensnachfolge verpflichten. Es sind und bleiben Akte der absoluten Freiwilligkeit. Ein Gesetz schließt in sich jedoch jeglichen Freiheitsgedanken aus. Der zweite Satz relativiert dann ja doch noch etwas das Gesetzesverständnis.


    7. Beide Gemeinschaften - Juden und Christen - haben dasselbe Recht auf ihre Wahrheitsgewissheit und dasselbe Recht, ihr durch Wort und Schrift Ausdruck zu verschaffen. Dies gilt im Sinne des Grundgesetzes, aber auch gemäß heutiger kirchlicher Auffassung.
    Diese Worte möchte ich mit aller Zustimmung unterstreichen. Bleibt zu hoffen, dass es auch in der Realität ankommt.


    8. Angemessen ist ein Zugang auf das jüdische Volk im Sinne des Gesprächs, des wechselseitigen Hörens und Verstehens, des Fragen und Antwortens. In einem solchen Gespräch kommt wie von selbst das zum Ausdruck und wird das bezeugt, wovon jede Seite lebt. Solche Gespräche werden jedoch verengt und letztlich beendet, wenn sie mit dem Ziel geführt werden, den anderen zu "bekehren".
    Darauf setze ich meine innigste Hoffnung. Es setzt allerdings eins voraus, dass man dem Israeliten zugesteht, dass ihre ureigenste Geschichte Israels nicht zu theologischen Zwecken durch andere Religionen benutzt wird. Das ist in meinen Augen der springende Punkt von misstrauischem Argwohn vom Judentum gegenüber dem Christentum (geistige Enteignung).


    9. Das christlich-jüdische Verhältnis wird dann eine heilsame Zukunft haben, wenn es von Vertrauen bestimmt ist. Gefragt ist entsprechend ein glaubwürdiges, sich bewährendes christliches Verhalten.
    Hier horche ich sehr auf und schaue hoffnungsvoll in die Zukunft.
    10. Der jüdische religiöse Denker Martin Buber hat einmal gesagt, Juden und Christen hätten ein Buch und eine Hoffnung gemeinsam. Das Buch kommt aus der Vergangenheit, die Hoffnung ist auf die Zukunft (Reich Gottes) gerichtet. Zwischen beiden liegen die Aufgaben und Chancen der Gegenwart.
    Auf was Buber hier ursprünglich verweißt ist der Ruf Gottes aus Jesaja, der allen Nationen gilt.

    In diesem Sinn stimme ich in den Gesang Jesajas (45/ 18 – 24) ein.


    So viel zu meiner ganz persönlichen Betrachtung zum Thema. Ich begrüße ausdrücklich diesen kleinen und zarten Ansatz eines aufeinander Zugehens.


    Samu
    Geändert von samu (21.11.2007 um 23:58 Uhr)


 

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