Ihr Lieben,
ich möchte gar nicht auf den Thread-Titel eingehen, sondern beim Durchlesen der Postings gingen meine Gedanken in ganz andere Richtung:
Auf der Zeitachse sind wir gerade mal 60 Jahre von der Shoah entfernt - das ist - gelinde gesagt - nix. Wir sind die auf einen ganz, ganz großen Weltbrand ersten, zaghaft-nachfolgenden Generationen - auch wenn wir uns sehnlichst wünschten, alles wäre schon lang "vorbei". Solche Wunden, solche Erinnerungen, auch die Kriegsleiden auf allen Seiten, brauchen noch viel mehr Jahrzehnte, um überhaupt verarbeitet zu werden und bis dahin wird der Dialog noch lange extrem zäh bis unnatürlich und fast erzwungen laufen. Ich gebe mal Beispiele, ohne mit diesen Beispielen das Ausmaß der Shoah kleinreden zu wollen, aber glauben wir denn ernsthaft, dass zwischen Sudetendeutschen und Tschechen schon ein "normaler" Dialog läuft, oder dass die Bewohnern des japanischen Hiroshima und Nagasaki auf Amerikaner wirklich von Herzen gut zu sprechen sind. Wie tief die Kluft zwischen Japan und China ist, ist allbekannt. Oder aber: Ich stand mal zusammen mit einem englischen Bekannten in den Ruinen der Kathedrale von Coventry - keiner von uns wußte, was wir sagen sollen, das gemeinsame Schweigen war leidvoll und isolierend. - Für die Seite der Opfer ist es immer schwer, ein Lächeln der Nachfahren der ehemaligen "Täter" als wirklich von Herzen kommend zu empfinden und annehmen zu können. Es ist einfach so. Im Grunde könnten wir hier sogar die Postings vom Trauerarbeit Thread von Origenes einfügen. Da wurde die beständige Frage klar "Was soll ich blos sagen, wie wird es mein Gegenüber empfinden!".
Solche Dialoge sind - von beiden Seiten - noch längst nicht bei der Normalität im Umgang miteinander angekommen. Es ist großartig, sich um Dialog zu bemühen, aber wir sind meines Erachtens - das ist wirklich nur meine ganz persönliche Meinung - noch lange nicht in der Normalität im Umgang miteinander angekommen. Vielleicht ist es sogar manchmal besser, zu schweigen, als sich zu laut der anderen Seite zu nähern. Das mag mehr verletzen oder irritieren als dem Dialog nützen.
Eines möchte ich auch noch im Zusammenhang mit meinen vorgenannten Beispielen sagen: wie oft wächst die Wirtschaft und der Tourismus schneller zusammen als die Herzen! Wie oft lassen wir uns verleiten durch relativ schnell neu erstandene "blühenden Landschaften" und Reiserouten zu denken, dass ja nun doch endlich wohl alles gut und bestens sei. Da ist der Wunsch der Vater des Gedankens, denn die Herzen und Seelen auch nachkommender Generationen tragen noch lange schwer.
Soweit meine persönlichen Gedanken zu dem, was ich oben so mitgelesen habe.
Tanuki