Hallo Martin,
hier etwas verspätet meine Antwort.
Die Aufmerksamkeit des Menschen fließt in der Regel durch die Sinne nach außen. In die Welt der Dualität, der Formen und Eigenschaften. Also fort von der Quelle/dem Göttlichen als Absolutem. Durch diese einseitige Ausrichtung beginnen wir diese Welt als die letztendlich Wahre, und uns als separierte Existenzen zu sehen. Wir binden uns emotional und konzeptuell an die Welt der Erscheinungen.
Auch wenn all die Formen und Eigenschaften letztlich Ausdrucksformen des Göttlichen sind, gilt es diesen Prozess umzukehren, um uns des Göttlichen in seinem nicht-manifestierten Aspekt und damit unseres wahren Wesens wieder bewußt zu werden.
Philosophie / Logik kann uns helfen, die Relativität der Erscheinungswelt zu erkennen. Zu wissen, dass Gott (in seinem absoluten Aspekt) weder dieses, noch jenes sein kann. Meditation hat neben ihren förderlichen physiologischen und psychischen Auswirkungen, auch die Eigenschaft uns „hinter“ den Bereich der Erscheinung und Dualität hinauszuführen, so dass wir unser wahres Wesen erforschen können. Die Kultivierung eines Gleichmuts (nicht Gleichgültigkeit) gegenüber allem, was in unser Leben tritt, wird ebenfalls unsere Verstrickung in die Schöpfung mindern. Wir werden jedoch nur dann bei der Stange bleiben, wenn wir ein gewisses Mass an Hingabe an, Liebe zum Göttlichen empfinden.
Wenn es einem Menschen nun an kognitiven Fähigkeiten fehlt. Er also weder zu logischem Denken (Philosophie), noch zu tieferer Konzentration (zur Meditation) fähig ist. So bleiben doch noch die beiden anderen Aspekte, die zumindest auf einem einfachen Niveau geübt werden können.
Bezüglich des Gleichmuts kann man sich vergegenwärtigen, dass alles von Gott kommt, und wir es als solches sehen sollten. Auch wenn wir es nicht verstehen. Und dass auch all unsere Taten an Gott hingegeben sein können; in der Form, dass wir uns bewußt bleiben, dass eigentlich das Göttliche durch uns die Werke vollbringt, dass wir stets unser Bestes geben, die Ergebnisse jedoch Gott überlassen, weder dem Erfolg, noch dem Misserfolg nachhängen.
Liebe und Hingabe an das Göttliche finden wir beispielsweise auch in den Lehren Jesu (Gottes- und Nächstenliebe). Auch Jesus lehrte eine Hinwendung vom Ich zum Du (und dann zum Wir). Eine Lösung von der Ich-Verhaftung.
Ich schrieb oben über Ursache und Wirkung. Schrieb, dass jede Form/Eigenschaft eine Ursache hat. Dass folglich alle Manifestation eine Ursache hat. Dies ist in Bezug auf unser Leben nichts anderes. Im Akt der Schöpfung „schuf“ Gott das Bewußtsein der Individualität und individuelle Einheiten (Seelen). Dieses Bewußtsein der Individualität erlischt nicht mit dem Tod. Wenn wir sterben, vergeht unser Körper. Auch unsere Persönlichkeit verschwindet. Was bleibt sind unsere Zu- und Abneigungen, unsere grundlegenden Ausrichtungen. Diese sind mit dem Bewußtsein der Individualität die Saat für eine weitere Inkarnation. Ein hasserfüllter Mensch wird diesen Hass mitnehmen. Sie werden seine Erfahrungen im Sterben und im Tod mitbestimmen. Ebenso seine nächste Inkarnation oder eine der darauf folgenden. Selbiges gilt für einen liebevollen Mensch.
Es heißt, dass diese karmischen Muster komplex sind. Zum einen, weil der Mensch im Laufe seiner Leben viele Ursachen durch Zuneigung und Abneigung gesetzt hat. Zum anderen, weil wir durch unsere Geburt als Mensch, als Mitglied dieser oder jener Gruppe unpersönliches Karma akzeptiert. Deshalb wäre beispielsweise Unsinn zu behaupten, ein Mensch lebe in Armut oder sei krank, weil er im letzten Leben, dieses oder jenes getan oder gelassen habe. Das Gesetz von Ursache und Wirkung hat werder etwas mit Bestrafung, noch mit Belohnung, noch mit Lernaufgaben zu tun. Es ist und wirkt unpersönlich.
In etwas übersichtlicherem Ausmaß finden wir es im Alltäglichen. Wer eine wohlwollende Haltung zu seinen Mitmenschen kultiviert, wird andere Erfahrungen machen, als jemand, der eine anwertende Haltung ihnen gegenüber hat. Ein Mensch, der seinem eine spirituelle Ausrichtung gibt, wird anders leben und andere Efahrungen machen, als jemand der ausschließlich auf materiellen Erfolg aus ist. Und wie gesagt, werden diese „Grundausrichtungen“ ihren Einfluss mit dem Tod nicht verlieren.
Ein Mensch, der eine spirituelle (oder religiöse, wenn das Wort besser gefällt) Einstellung kultiviert, setzt somit eine (karmische) Ursache. Und auch dann, wenn er den Weg zur Gottverwirklichung nicht vollständig schafft, wird dieser Einfluss später wieder zur Geltung kommen. Deshalb meinte Magister Eckhart, dass wenn ein Mensch alles in seinen Kräften stehende versucht habe, es im lediglich an Fähigkeiten, aber nicht am Willen gemangelt habe, er aus der Sicht Gottes alles getan habe.
Wenn nun also – um auf den Ausgangspunkt zurück zu kommen – ein Mensch aufgrund einer Krankheit oder Behinderung beispielsweise nicht meditieren kann. Er aber in der Lage ist Liebe zu Gott zu kultivieren, und dieses tut, hat er alles getan. Und in der nächsten Inkarnation wir er seinen Weg fortsetzen.
Dennoch sollten wir vorsichtig sein. Kann beispielsweise ein geistig behinderter Mensch nicht vielleicht durchaus in der Lage sein, tiefe meditative Zustände zu erfahren, zu viel größerer selbstloser Gottesliebe fähig sein, als es scheint? Aus dem, was uns als Körper gegenüber tritt, können wir nicht auf die geistige Größe schließen.
Ich las mal über einen christlichen Mönch. Den Namen habe ich leider vergessen. Aber dieser Mönch war wohl so von hingebungsvoller Liebe zum Göttlichen erfüllt, dass er jedesmal, wenn er ein religiöses Bildnis sah, in innere liebevolle Extase geriet.
Konnte ich Deine Frage beantworten?
Gruß
LD



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