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Baum-Darstellung

  1. #11

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    Liebe Mirjamis,


    Gerne stelle ich mich deiner Nachfrage und möchte dazu ganz exemplarisch Hebräerbrief 1/ 3 unter die Lupe nehmen und ihn in den Kontext der rabbinischen Literatur der Zeiten Jesu und auch der Zeiten danach stellen und zugleich diesen Vers einmal in dem Kontext der jüdisch apokalyptischen Literatur verschiedenster israelitischer / jüdischer Gruppen beleuchten (Essener, Widertäufer, Jerusalemer Urgemeinde, etc.).

    Doch scheuen wir uns diesen Text erst einmal ganz genau an. Hierzu die Wortwortübersetzung aus den gängigen griechischen Texten der von Kodex Sinaticus und Vaticanus:

    1.) … der Widerschein Herrlichkeit und Ausdruck seines Wesens, tragend auch alles durch das Wort seiner Kraft; nachdem er Reinigung von den Sünden schuf, setzte er sich zur Rechten Gottes der Erhabenheit in Höhen…
    2.) …dieser, seiend Abglanz der Herrlichkeit und Abdruck seiner Wirklichkeit und tragend das All durch das Wort seiner Macht, Reinigung von den Sünden gemacht habend, hat sich gesetzt zur Rechten der Erhabenheit in Höhen…

    Zum Vergleich nun die Elbefelder Übersetzung und Einheitsübersetzung – der Verständlichkeit wegen:

    1.) ….er, der Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens ist und alle Dinge durch das Wort seiner Macht trägt, hat sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt, nachdem er die Reinigung von den Sünden bewirkt hat
    2.) er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt

    Hier haben wir nun diese beiden Direktübersetzungen aus dem Griechischem zu besagten Vers aus Hebräer 1 / 3. Uns soll jetzt weniger die Unterschiedlichkeit der Überlieferung beider Übersetzungen interessieren die allerdings doch ganz beachtlich sind.

    Stellt man diese beiden Texte gängigen jüdischen Überlieferungen gegenüber, egal ob rabbinische oder essenische, so fallen einige Merkmale ganz besonders auf. Es ist zum einen die seltsame Wortwahl zu Gott die im Hebräerbrief fast immer im Singular abgefasst ist. Folgendes Wort ist hier bezeichnend: Herrlichkeit. Richtig wären hier Herrlichkeiten! Doch das nur am Rande erwähnt, was jedoch deutlich aufzeigt, hier war mit Sicherheit kein Israelit am Werke, was die Textforschung heute einhellig bestätigt, jedoch ein guter Kenner rabbinischer Überlieferungen.
    Zum zweiten spricht dieser Vers etwas sehr bedeutendes aus, dass im Bezug zu den Ansichten der Jerusalemer Überlieferung steht, nämlich das sitzen zur Rechten Gottes. Dazu folgender Vers aus Apg. 2 / 34b: Es sprach der Herr zu meinem Herrn:/ Setze dich zu mir zur Rechten. Dieser Vers bezieht sich wiederum auf Psalm 110 / 1 der von der Urgemeinde als Messianisch gedeutete wurde. Doch dazu später mehr.

    Schauen wir uns erst einmal das Thema Sündentilgung an. Dieser Vers sagt, dass (Jesus) die Reinigung von den Sünden gemacht hat oder gar schuf. An und für sich ist diese Aussage – losgelöst vom Rest der Theologie des Hebräerbriefes nichts Besonderes. Denn Sündentilgung kann ein jeder Mensch für andere Menschen bewirken wenn es Gott diesem zugesteht. Die Tanach kennt etliche solcher Zeugnisse und dazu bedarf es eben keines Tempels oder gar Priesters. Beispielhaft sei hier der Prophet Ezechiel erwähnt, der 390 Tage auf der linken Seite zur Schuldsühnung für das Nordreich lag und 40 Tage für das Südreich auf der rechten Seite. Dieser Prophet entsühnte also durch sein Handeln - ganz Israel. Und freilich, wenn wir im deutschen Sprachgebrauch bleiben, dann opferte dieser Mensch sich zumindest zeitweise für sein Volk Israel auf. Und schaut man sich den mystischen Leidensknecht aus Jesaja an, so kann man ähnliches Verhalten auch dort finden und ebenso in den Klageliedern und Psalmen werden wir mit diesem Thema vielfach konfrontiert. Das sich hingeben für seinen Nächsten ist ein TATMOTIV im gesamten Tanach und ist für Jesus Lehrmittelpunkt und auch Selbstanspruch wovon die gesamten Berglehre zeugt. Es geht also in erster Linie um das TUN, was Einer für Andere tut und was Gott durch andere Menschen für Menschen tut.
    Ein Opfer ist jedoch im Sinne des Tanach etwas ganz anderes. Ein Opfer tut nichts, es wird ihm etwas angetan und das tut es nicht freiwillig, sondern wird gewaltsam dazu gezwungen. Und genau das beschreibt sehr eindrucksvoll Jeremia, der beklagt wie ein Opfertier zur Schlachtbank geführt zu werden. Und mehr noch, diese Opfer will Gott letztlich nicht, denn alles gehört ihm eh schon, wozu sollte Gott solcher Opfer bedürfen? Um sich selbst gut zu fühlen? Um seine Rachegelüste gegenüber einer ungehorsamen Menschheit im Zaum zu halten? Um frieden mit den Menschen zu finden? Oder gar, damit wir Menschen Frieden mit Gott finden können?

    Doch schauen wir uns dazu genauer in der Tanach um. Die Ansicht, dass ohne die Durchführung von Tieropfern Juden nicht für ihre Sünden büssen können ist eine eklatante Falschinterpretation der jüdischen Tanach. Zunächst einmal waren die Tieropfer nur für unbeabsichtigte Sünden vorgesehen (Leviticus 4,1) und dienten als eine Motivation für den Einzelnen, die wahre Buße zu tun. Zahlreiche Stellen, darunter Hosea 14, informieren uns darüber dass unsere Gebete heute den Platz von Opfern einnehmen. Zusätzlich lesen wir: “Die Opfer Gottes sind ein gebrochener Geist, ein gebrochenes, zerschlagenes Herz” (Psalm 51,19) und “Ich habe gefallen an Güte, und nicht Opfern, an der Erkenntnis Gottes, mehr als an Brandopfern.” (Hosea 6,6). Durch Reue, Gebet, Fasten und rechtes Handeln, lehrt die Tora, hat jeder die Möglichkeit, zu Gott unmittelbar zurückzukehren.
    Dieses Prinzip ist in den Büchern Jona und Esther sehr schön dargestellt, wo sowohl Juden als auch Nichtjuden bereuten, zu Gott beteten und ihnen vergeben wurde - ohne die Erbringung von Opfern. Unsere persönliche Beziehung zu Gott erlaubt es, uns direkt zu jeder Zeit an Ihn zu wenden, wie es in Malachi 3,7 und Sacharja 1,3 heißt: “Kehre um zu mir und ich kehre um zu dir.” und in Ezechiel 18,27, “wenn der Frevler umkehrt von seinem Frevel, den er tat, und Recht und Wahrhaftigkeit tut, der belebt seine Seele.” König Salomon sagte, dass der Hauptzweck der Menschheit ist, an Gott zu glauben und seine Gebote zu halten, wie es im Buch Kohelet 12,13-14 steht: “Am Ende der Rede ergibt sich als alles zu hören. Fürchte Gott und hüte seine Gebote, denn dies ist der Mensch allzumal.” (Deuteronomium 30,1 1-14) lehrt, dass dieser Weg zu Gott ganz sicher innerhalb unserer Möglichkeiten liegt.

    Wenn wir Jesus als Opfer ansehen würden, so muss man fragen, was hat sein Opfer bewirkt? Ein Opfer ist immer dann getätigt worden, um einen Zustand zu beseitigen. Gibt es noch Sünde? JA! Sündigen wir noch? JA! Warum wird die Welt an ihren Sünden zu Grunde gehen? Weil uns kein Opfer dieser Welt vor unserer ganz persönlichen Rechenschaft vor Gott befreien kann und davon sprach auch Jesus! Matth. 7.22 - 23 Viele werden sagen in jenen Tagen (des Gerichtes): Herr, Herr, weissagten wir nicht in deinem Namen und trieben wir nicht Geister hinaus, und taten wir nicht in deinem Namen viele Machttaten?
    7.23. Und dann werde ich offen bekennen zu ihnen: Niemals habe ich euch gekannt; geht weg von mir (beruft euch nicht auf mich), ihr Tuenden zum Torabruch.


    Nicht Sühnopfer, was hier ein Menschenopfer wäre und was Gott ausdrücklich verbietet, sondern Hingabe aus Liebe zur Menschheit und zu Gott sind das Herz der Tora! Darum geht es und davon sprach Jesus! Selbsthingabe, sein Leben nicht höher zu achten als das des Gegenübers, sich hinzugeben für die Idee Gottes: Wer sein Leben gewinnen will, der wird es verlieren, wer sein Leben um Gottes Willen verliert, der wird es Gewinnen, sein Kreuz zu tragen, diesen unsagbar engen und dornigen Weg zu gehen, so wie es Israel nur all zu oft tat, wie es Israels Größen taten zum Lösegeld für die Vielen zum Hinwegnehmen der Verschuldungen und für einen Neuanfang, zum Preis der Erfüllung für die Verheißungen (Jesaja 57/ 1 – 2).

    Nun noch zu Psalm 110 /1. Die Urgemeinde legte schon früh auf Jesus diesen Psalm und suchte darin dessen Auferweckung und „Himmelfahrt“ zu erklären.
    In der altrabbinischen – „vorjesuanischen“ Zeit wurde dieser Psalm nicht messianisch gedeutet. Erst mit der apokalyptischen Bewegung (ab 200 v.Chr.) änderte sich das und fand ab 70 n.Chr. auch seinen schriftlichen Niederschlag im rabbinischen Judentum.

    Sanhedrin 108: …. Rabbi Chana ben Levi sagt: ….Gott nahm Abraham und setzte ihn zu seiner Rechten …. usw.
    Vielfach legt die rabbinische Überlieferung auf Abraham diesen Vers aus Psalm 110, ja sogar den ganzen Psalm 110. Rabbi Raschi erklärt dazu: „Unsere Lehrer haben den Psalm auf unseren Vater Abraham ausgelegt“.
    Mehr noch, da das Haus Melchisedeks keinerlei heilsgeschichtliche Bedeutung für Israel mehr hat und dessen Erfüllung in der Segnung Abrahams seinen Höhepunkt findet (Gen. 14) tritt Abraham als erster Hohepriester Israels in Erscheinung. So erklärt Rabbi Jischmael: „Abraham war Hohepriester“ und bezieht dabei auf Gen. 14 und dessen weiteren Wirken als Stammvater für Israel. Diese Meinung war, wie schon gesagt vorherrschend im rabbinischen Judentum. Erst durch die apokalyptischen Gruppen innerhalb und außerhalb Israels fand eine Umdeutung dieser Lehre statt, die dann messianisch geprägt wurde und von einem Priestermessias spricht. Hier landen wir unweigerlich bei den Essenern, dessen messianischer Schwerpunkt in einem messianischen Hohepriester gedeutet wurde. (Ich werde noch ausführlich dazu im Themenkomplex: „Wann es begann“ – Essener – Messias eingehen).
    Wir müssen uns hier vergegenwärtigen, dass es im Judentum der Zeiten Jesu ganz unterschiedliche Vorstellungen von der Messiasgestalt gibt. Wir sprechen hier von einem Königmessias, einem Prophetenmessias und von einem Priestermessias. Dazu gab es durchaus auch die Auffassung, dass sogar diese drei verschiedenen Messiasse nacheinander auftreten werden. Erst im Verlauf der Zeit verschmolzen diese drei Ansichten zu einer einzigen Person und davon zeugt unter anderen auch der Hebräerbrief. Der leidende Messias, der zugleich auch der Prophetenmessias ist, vereinigte sich mit dem Priestermessias und dann letztlich auch noch mit dem Königmessias.
    Das Priestertum und das Königtum und auch das Prophetentum waren in Israel in aller Regel streng getrennt. Ausnahmen gab es jedoch auch hier, wie z.B. bei David oder Moses wo Wechselwirkungen der Ämter auftraten. Bei David war es das Königsamt und Prophetenamt, bei Moses das Priester- und Prophetenamt. Allein bei Abraham finden wir alle drei Aspekte vor und genau deshalb wurde dieser Psalm auf ihn gedeutet. Ja mehr noch, mit Abraham setzt Gott ein ganz neues Zeichen in der Menschheitsgeschichte, Gott erschafft sich selbst ein neues Volk, dass in seiner Geschichte so zahlreich werden soll wie die Sterne am Himmel. Nicht Abraham oder Sara sind die Initiatoren dieser Neuschöpfung, sondern Gott selbst ist es und Sara muß darüber sogar lachen, weil sie es für unmöglich hält. Hier findet die überaus große Bedeutung von Abraham erst seinen eigentlichen Ursprung und genau hier setzt die Christologie des Hebräerbriefes an, indem sie letztlich Abraham dem Christos unterordnet und eine neue Ordnung und Schöpfung verkündet, in der sich all die Deutungen Abrahams und somit auch Israels auf Christos verlagern oder gar hinfällig werden. Hier liegt das ganze Argumentationspotential des Hebräerbriefes begründet. Nicht Abraham sitzt mehr zur Rechten Gottes, sondern Christos, nicht Abraham ist das Vorbild für den Universalmessias, sondern Christos ist es selbst, nicht Abrahams Nachkommen sind die Auserwählten, sondern die Nachfolger des Christos und daran ist zugleich der Glaube an diesen Christos geknüpft und nicht mehr der Glaube an den Gott Abrahams. Was wir hier vorfinden ist genau mit dem Brieftitel begründet, es ist eine Überzeugunkschrift – Missionsschrift an Hebräer, die mit etwas seltsamen Argumenten – die sogar ihre Vorlagen im rabbinischen Judentum haben – einen Neuen Glauben verkünden will. Christos überragt nicht nur David und Moses, sondern auch Abraham den Stammvater und hier findet dieser Satz des Hebräerbriefes auch seine Begründung: „So hebt Christus das Erste auf, um das Zweite in Kraft zu setzen.“ (Hebr. 10/ 9b ff).

    Es darf uns hier nicht verwundern, dass ganz offen mit Hilfe des Tanach und rabbinischer Lehrmethode ein Aufheben des Tanach gelehrt wird, dessen Begründung letztlich darin Gipfelt, dass der Heilige Geist dies offenbart habe (Hebr. 10 / 15 a). Genau nach diesem Schema hat die essenische Gemeinschaft argumentiert und ihr Lehrgebäude, das dem Hebräerbrief extrem nahe steht, begründet.

    In diesem Zusammenhang mag die Geschichte von Jesus über den Armen Mann der in Abrahams Schoss eingeht und des Reichen Mannes, der die Ge-Hinnom erntet aufhorchen lassen. Von welchem Standpunkt ging hier Jesus aus? Ganz offensichtlich vertrat Jesus selbst die rabbinische Meinung, dass zur Rechten Gottes Abraham sitzt und zur Linken das Gericht und der Rechtsspruch Gottes, der durchaus auch Gnade und Barmherzigkeit beinhalten kann aber nicht zwangsläufig muß, denn Gott schaut in erster Linie auf das Herz und nicht auf Glaubensbekenntnisse!

    Letztlich schließe ich mich den Aussagen Jesu an, die davon sprechen, dass dem Menschen weder Opfer noch Glaubensbekenntnisse und auch nicht gut gemeinte Taten in das Königtum der Himmel befördern wird, sondern einzig Gottes Wille dazu. Und darüber hinaus, dass wenn wir in Rechtschaffenheit, Liebe, Barmherzigkeit und Selbstüberwindung vor und mit Gott leben, uns keine Sorgen über das heute und hier und jetzt und erst recht nicht über das Morgen und Übermorgen machen brauchen, denn Gott hat in seinem Königtum viele Einwohnungen für seine Kinder geschaffen. Glückselig sind all diese, die ihr Haus nicht auf Sand bauen, sondern auf den Gott Abrahams.

    Absalom
    Geändert von absalom (04.06.2010 um 14:26 Uhr)


 

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