4. Der Hellenismus und das Christentum
Wenden wir uns nun dem eigentlichen Thema zu. Auf Grund der Fülle des Textes teile ich ihn in mehrere Teile auf!
Teil 1.
Unmittelbar nach der Kreuzigung durch die Römer ist die Geschichte Jesu außerhalb des Judentums völlig irrelevant. Jesus ist Jude, seine Familie ist jüdisch, seine Schüler, die „Jünger Jesu“, sind Juden. Alle ihre Hoffnungen und Wünsche richten sich auf das Heil Israels. Gut hundert Jahre später sind die Schüler der Schüler, die so genannten Christen, keine Juden mehr.
Zunächst einmal gibt es zu Beginn keine Christen. Am Anfang gibt es Juden die verkünden: “Jeshua ist ein Meschiach”, “Jeshua ist gestorben und von Gott wiedererweckt, auferstanden worden”, “er ist von Gott erhöht”. All diese Kategorien (“er ist ein Messias”, der Erhöhte des Herrn, der himmlische Hohepriester, etc.), sind jüdische Kategorien, die in ihrer Bedeutung der hellenistischen Welt merkwürdig, fremd und unverständlich für Heiden, erscheinen. Diese Kategorien existieren so dort nicht.
Wenn wir vom Christentum sprechen so stellt sich bereits die erste wichtige Frage, wann beginnt eigentlich das Christentum als eigenständige Religion, unabhängig vom Judentum zu existieren? Kurz zusammengefasst. Es wird dann von einer selbstständigen Religion gesprochen, wenn sie eigene Glaubensgrundsätze hat, eigenes Schriftgut hervorbringt, eigenständige Kulthandlungen und Weiheakte entwickelt. Sich also von dem Ausgangsort entfernt und eigene Wege geht, eine eigenständige Entwicklung beginnt. Die Religionswissenschaft hat sich weitestgehend auf den Beginn des 1. Jahrhunderts festgelegt und sieht anhand etlicher Entwicklungstatbestände denn eigentlichen Ursprung des Christentums nicht im damaligen Palästina, sondern in Korinth, in Alexandrien und Rom. Warum das 1. Jahrhundert?
Wenn wir der Aussage der Apostelgeschichte folgen, war die Urgemeinde keine eigene Religion, sondern fester Bestandteil des Judentums. Sie war fest im jüdischen Kult integriert, lehrte im Wesentlichen jüdisches Lehrgut und hatte auch die Anerkennung des Sanhedrin.
Mit der Zerstörung des Tempels (70 n. u. Z.) und dem Niedergang des kulturellen Mittelpunktes des Israelitischen Kultes (Jerusalem), verlieren sich auch die Spuren der Urgemeinde. Wohl wissen wir, das sich die Reste der Urgemeinde nach Pella, in die Wüste Nizzana zurück zog, doch ein zurück nach Jerusalem gab es für die hebräischen Jesusanhänger nicht mehr. Die Apostel sind alle Tod, das Judentum in seiner Gesamtheit – so auch die Urgemeinde - hatten etliche regionale Verfolgungen durch die Römer zu überstehen und kam dadurch an den Rand seiner Existenz. Ohne geistiges Zentrum und Mittelpunkt, ohne althergebrachte Führung, verlagerte sich in der Zeit ab 70 – 100 (n. u. Z.) der Schwerpunkt nach Alexandrien, dem eigentlichen Sitz des hellenistischen Judentums, welches weitestgehend von der Verfolgung durch die Römer verschont wurde. Hier gab es auch bereits von der Synagoge ganz unabhängige hellenistische – judenchristliche Gemeinden. Ein zweites Standbein waren die von Paulus, Barnabas, Apollo, etc. gegründeten Gemeinden in Italien, Griechenland und Kleinasien, die insbesondere aus Heidenchristen bestanden. All diese Gemeinden wurden in ihrer Bedeutung gestärkt, nachdem Jerusalem keine heilsgeschichtliche Bedeutung mehr hatte und zur römischen Provinzstadt wurde, in dessen geschichtlichen Verlauf Juden der Zutritt zur Stadt bei Tode verboten wurde.
Doch noch ein ganz wesentlicher Punkt spielt eine Rolle, die hellenistische Juden (die oft treue römische Staatsbürger waren) und Heidenchristen, von der Urgemeinde trennte. Es war das festhalten der Urgemeinde am israelitischen Kult und hier insbesondere die enge zum rabbinischen Judentum. Damit war aber auch die Urgemeinde schicksalhaft an alle politischen Ereignisse gebunden, die Israel mit aller härte durch die Römer traf. Die Verfolgung von Juden, die sich nicht in das Gefüge des Imperium Romanum einfügen wollten, traf auch immer die Urgemeinde ganz erheblich mit. Hiervon distanzierte sich nur all zu gern das Frühchristentum, das schon sehr früh darum bemüht war, eine offizielle Anerkennung als Religion im Imperium zu erhalten. Es mag daher nicht verwundern wenn bereits sehr früh (um 120 n.Chr.) polemische Schriften von Heidenchristen gegen die letzten Anhänger der Urgemeinde verbreitet werden, wo z.B. gesagt wird: Wenn das Stroh sein Korn gebracht hat, ist es wertlos (Ignatius).
Zum endgültigen Bruch kam es in der theologischen Auseinandersetzung, von der wir allerdings fast nichts über deren Hintergründe wissen. Schon früh begann die Kirche die Schriftzeugnisse der Nachfolger der Urgemeinde systematisch zu vernichten, (Schafft weg den Sauerteig der Juden aus unserer Lehre / Ignatius); ein böser Engel hat die Judenchristen beschwatzt am Alten Testament festzuhalten (Barnabas um 200). Nur vereinzelt finden wir in sog. Gegenschriften, Zitate aus diesem Umfeld der Urgemeinde. So sagt z.B. Tertullian über den Glauben der Nazarener (nicht ohne Verachtung für ihren primitiven Judenglauben!): … sie glauben … Jesus sei ein Mensch voll des heiligen Geistes, in dem der Engel des Herrn als Messias auftrat.
Man könnte derer Zitate weiterführen, um zu belegen, wie zerklüftet das Verhältnis zwischen diesen Beiden Gruppen war.
Die Wesensmerkmale für eine eigenständige Religion kommen aus diesen frühchristlichen Zentren. Ein eigenes Schriftgut, Kultideen und Glaubensaussagen, die allerdings in sich nicht unterschiedlicher sein konnten. Von einem einheitlichen Glauben im Frühchristentum zu sprechen, ist gelinde gesagt realitätsfremd.
Bereits die „echten“ Paulusbriefe, stellen einen ersten Schritt in die Richtung zur eigenen Religion dar, gleich wohl Paulus diesen Gedanken so noch nicht in sich trägt, glaubt er doch noch daran hellenistische Juden, Heiden und israelitische Juden unter einer Gemeinde - dessen Herr für ihn Jesus ist - zu vereinigen, denn der Herr kommt nach seiner Überzeugung schon in Kürze.
Das er für seine Agitationsbriefe allerdings Überzeugungen und Argumente anführt, welche gerade der israelitischen Urgemeinde nur schwer zuträglich sind, scheint ihm anfänglich selbst nicht bewusst zu sein. Kennzeichen dafür sind nicht nur die ungenügenden Kenntnisse des Paulus über Jesu Lehrgut, welches ihn letztlich auch nicht ernsthaft interessieren, geht es ihm doch um den himmlischen Jesus. Zum anderen Teil, argumentieret Paulus regelrecht unbedarft mit essenischen, stoischen, platonischen, philonischen, jüdischen – hellenistischen – apokalyptischen Lehrgut (Henoch, Eliasapok., etc) bis hin, dass er sich kontinuierlich weigert die hebräischen Schriften (Tanach) zu benutzen und stattdessen sich sehr frei die vom israelitischen Judentum verworfene Septuaginta zu eigen macht. In all seinem Gebaren spiegelt sich in Paulus selbst der hellenistische Jude wieder, dessen Wurzeln nie das israelitische Kultjudentum war, sondern die Diaspora und dessen ganz verschiedenen Einflüsse. Seine Konflikte mit der Urgemeinde, die nur noch ganz abgeschwächt aus der Apostelgeschichte mehr allerdings aus seinen Briefen hervortreten, finden genau hier seine Ursache. Der heftigste Vorwurf der Urgemeinde resultiert genau aus diesen Hintergründen:„Nun hat man uns von dir erzählt: Du lehrst alle unter den Heiden lebenden Juden, von Moses abzufallen, und forderst sie auf, ihre Kinder nicht zu beschneiden und sich nicht an die Bräuche zu halten.“(Apg. 21/21) Dieser Vorwurf, der übrigens ganz berechtigt ist und sich bei weitem nicht nur auf das Beschneidungsritual bezieht, sondern dessen Gewichtung auf dem ersten Teilsatz fällt = von Moses abzufallen, ist ein nicht untypischer Vorwurf an Teile des hellenistische Judentum und ihre entsprechenden Strömungen.
Ohne Zweifel, mit Paulus beginnt die Loslösung vom israelitischen Kult und dessen Gebräuche, welche so in die hellenistische Welt nicht exportierbar waren, sondern an Land (Israel), Volk (Israel) und Glaube (Israels Gott) gebunden war.
Mit dem Untergang Jerusalems als religiöses Kultzentrum und dem Sterben der Repräsentanten der Urgemeinde (Apostel) verlieren sich zugleich auch die Hoffnung und der Glaube auf die baldige Ankunft Jesu. Mit dem Wachsen der Erkenntnis, dass eine baldige Wiederkunft Jesu nicht zu erwarten ist und dem Verlust des Kultzentrums setzt sich auch eine andere Erkenntnis durch, man braucht religiöse Strukturen, Verbindlichkeiten, einen Kult und entsprechende Theologien und man braucht ein Traditionsgut, welches den neuen Verhältnissen angepasst ist. In dieser Einsicht ist die Ursache für das so späte entstehen der Evangelien und des anderen Schriftgutes zu erklären.



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