3. Hellenismus und Judentum
Es mag einem frommen Wunsch entsprechen, wenn man meinen möge, es hätte in der Geschichte Israels nie Fremdeinflüsse auf die Religion gegeben. Allein schon in den 5. Büchern der Weisungen (Moses) lässt sich das ganz deutlich fest machen, wenn man die Tora mit Zeitgenössischen ägyptischen, sumerischen, persischen und babylonischen Überlieferungen vergleicht. Sehr deutlich sind die Spuren des Zweistromlandes und Ägyptens sichtbar, die sich insbesondere in den Ritualanweisungen nachzeichnen lassen (Schlachtopfer, kultische Reinheit, Speisegebote, rechtliche Anweisungen). Noch deutlicher sind die Spuren aus der Epoche der babylonischen Gefangenschaft sichtbar, was nicht nur eine Vielzahl babylonischer Begriffe belegt, die plötzlich im Tenach erscheinen, sondern mehr noch die Reform des Esra und Nehemia belegen, die Israel zu ihrer Zeit zu einem modernen Staat neu aufbauten, nach persischen Vorbild.
Ganz wichtig für die antike Entwicklung des Judentums spielten politische Einflüsse, die bedingt durch die Landvertreibung und Auswanderung der Israeliten ganz neue religiöse Fragestellungen aufwarfen und Bedingungen schafften. Mit dem Ende der Perserherrschaft und dem Beginn der hellenistischen Großreiche entstanden vier Hauptsiedlungsgebiete des Judentums, die zwar untereinander verbunden waren, doch mit der Zeit ganz eigene Entwicklungen bestritten. 1. Das babylonische Exil, welches sehr stark unter persischen Einfluss stand und wo besonders das Schriftgelehrtentum zur Blüte kam. 2. Die zurückgekehrten Juden nach Israel, die durch eine Staatsreform Esras und Nehemia Israel zu einer gewissen Selbstständigkeit führten und Israel zu einem Nationalreligiösen Staat (Gottesstaat) gestalten wollten, den Tempelkult neu initiierten, wichtige Religionsreformen durchführten und somit Israel zu einer neuen – wenn auch kurzen Blüte verhalfen. 3. Griechenland (Korinth) und Italien (Rom), die ursprünglich zumeist aus Alexandrien durch Handelsbeziehungen neue jüdische Enklaven bildeten. 4. Alexadrien und Ägypten, die wohl wichtigste Enklave des Judentums in der Antike. Hier reichen die Wurzeln schon bis in die Zeiten des Moses und wie wir auch aus biblischen Berichten wissen, waren Juden und Ägypter immer sehr eng geschichtlich miteinander verbunden. Alexandrien war die Welthauptstadt des Hellenismus, das New York, der Antike. Hier standen nicht nur die berühmtesten Bibliotheken der Welt, die größten Philosophenschulen und Lehrinstitute für alle möglichen Handwerkskünste, hier war auch die größte jüdische Gemeinde außerhalb Israels ansässig.
Gemeinsam war all diesen Diasporagruppen, dass sie die Tora hatten und ihr nationales Erbe pflegten. Darüber hinaus gab es kein einheitliches Schriftgut und auch in der Praktizierung der Tora gab es wesentliche Unterschiede, die jedoch an sich kein jüdisches Problem sind.
Einen ernsten innerjüdischen Konflikt gab es mit der in der antiken Welt um sich greifenden Hellenisierung. Die Einflüsse der hellenistischen Philosophie waren gerade zu revolutionär und stellten das Judentum vor eine schwierige Frage: Integration in die hellenistische Welt, oder Ausgrenzung von der hellenistischen Welt. Das persische Judentum und das israelitische Judentum widerstrebten dieser Anpassung, hingegen das hellenistische Judentum (daher leitet sich der Name ab) in Ägypten und der restlichen Diaspora schon längst die Assimilation suchte und vollzog.
Das Judentum in Israel zeigte sich anfänglich ebenso offen für die Hellenisierung wie in Alexandria oder anderen Einflussgebieten.
Davon zeugen nicht nur die Bauten in Jerusalem aus dieser Epoche, sondern auch Münzfunde, die die Verschmelzung des Gottes Israel mit Zeus darstellen und schriftliche Belege aus dieser Zeit. Doch es entstand zunehmend eine Gegenbewegung, die sich insbesondere durch die pharisäische Partei kundtat.
In den Makkabäeraufständen (ich gehe einmal davon aus, dass die Geschichte bekannt ist, ansonsten empfehle ich eine kath. Bibel zu lesen, da steht alles drin – Makkabäerbücher), trat dieser Konflikt erstmalig auch militärisch zu tage. Bei diesem Konflikt ging es nicht nur um politische Macht, sondern um eine ganz klare Abgrenzung zur hellenistischen Welt. Zwar konnte Israel die Macht des Hellenismus nicht gänzlich von sich schütteln, doch gelang es gewisse Freiheiten und Eigenstaatlichkeiten zu erzwingen. So auch die Religionsfreiheit.
Ganz anders verlief die Entwicklung in der hellenistischen Welt. Hier versuchte das Judentum seine Weltanschauung in griechischer Sprache und im Rahmen griechischer Philosophie auszuformulieren. Der wohl wichtigste Meilenstein darin ist die Übersetzung und neu Bearbeitung und auch Umschreibung der hebräischen Bibel ins Griechische, die Septuaginta.
Auch zahlreiche andere Schriften der Weisheitsliteratur entstanden zu dieser Zeit (Weisheit Salomons), die zum Teil in den christlichen Bibeln wieder zu finden sind. Diese Schriften insbesondere die Septuaginta wurden vom Judentum (1. Jahrhundert) verworfen und als Fälschungen eingestuft.
Insbesondere in den Lehrschriften zeigen sich die Verschmelzungen von hellenistischer Philosophie und hellenistischen Judentum am deutlichsten. Beispielhaft hierfür sind die Schriften Philos, Demetrios oder Aristobulos.
Einer wichtiger Vermittler zwischen dem jüdischen Verständnis und dem griechischen Denken war Philo von Alexandria. Er stellte das Judentum als eine altehrwürdige Religion dar, die durch einen neu zu verstehenden Monotheismus (nach Plotin) besser mit der aristotelischen oder platonischen Philosophie übereinstimme als der polytheistische Olymp.
Der berühmte Logoshymnus aus dem Johannesevangelium zeugt von der weiten Verbreitung des Philonischen Schriftgutes, welches in der Antike zu Ansehen kam, denn tatsächlich ist dessen Ursprung bei Philon zu suchen und nicht bei israelitischen Juden, die ja genau diese hellenistische Theophilosophie aufs schärfste bekämpften.
Man kann nicht oft genug betonen, dass es dem hellenistischen Judentum in erster Linie darum ging, dass Volk der Israeliten als gleichwertiges Volk unter Völkern, angepasst an die Verhältnisse ihrer Zeit, ohne die Aufgabe eigener Selbstständigkeit, in der hellenistischen Welt zu integrieren. Zum anderen ging es Leuten wie Philo darum die Absonderlichkeiten der jüdischen Religion, dem hellenistischen Umfeld durch zu Hilfenahme von hellenistischer Philosophie nahe zu bringen und wenn nötig auch umzudeuten. Dies geschah mit erstaunlichem Erfolg. Das hellenistische Judentum war damals eine expandierende Religion, die in allen Gesellschaftsschichten der Antike Beachtung fand, hingegen das orthodoxe Judentum massiv bekämpft wurde und um seine Existenz kämpfen musste. Das festhalten an dem strengen Monotheismus, den Geboten und althergebrachten Riten brachte diesem Judentum nur wenig Anerkennung und Freunde ein, doch es sicherte dessen Überleben, hingegen das hellenistische Judentum unter ging.
Historisch findet das Frühjudenchristentum insbesondere im hellenistischen Judentum seine theologischen Vorreiter und Wegbereiter und auch Anhängerschaft. Das Heidenchristentum wird insbesondere bei den Stoikern und Neuplatonisten ihre Anhängerschaft finden. Beide Gruppen sind theologisch bereits im Wesentlichen vereint, im Hellenismus. Die Auflösung der Urgemeinde Jesu findet genau in dieser Tatsache seinen Ursprung!
Nachwort: Ich bin jetzt bewusst nicht auf die Essener eingegangen, da ich zu ihnen ja schon hinreichend Stellung bezogen habe und aufzeigen konnte, dass diese große und wichtige Gruppe durchaus – wenn auch nur bedingt - den jüdischen Hellenisten zu zuordnen ist.
Es folgt Teil 4. Der Hellenismus und das Christentum



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