2. Die Philosophien und Religionen des Hellenismus


Teil 2. Religionen

Nun möchte ich zur eigentlichen Thematik, die für mich selbst noch interessanter ist vorstoßen, denn hier geht es um antikes Religionsverständnis!

Wir haben uns nun einen ganz kleinen Einblick in die Philosophie erlaubt und dürften verstanden haben, dass wir es in der Antike nicht mit einer primitiven Zivilisation zu tun haben, sondern mit einer bereits sehr komplexen Welt, die in ebenso komplexe Denkstrukturen eingebettet war.

Ebenso komplex waren die vielfältigen Antiken Religionen. In dem Schmelztiegel des Mittelmeerraumes, der über 300 Jahre Hellenistisch geprägt wurde, wo sich ganze Nationen mit anderen Nationen vermischt hatten, wo durch enge Handelsbeziehungen und offene Grenzen ganze Völker quer durch Europa, Asien und Afrika nach neuen Heimaten suchten und durch enge Handelsbeziehungen nicht nur ein reger Warenaustausch, sondern auch kultureller Austausch stattfand, wo die einheitliche Sprache im wesentlichen griechisch war, ist es nur eine Frage der Zeit gewesen, dass sich auch die verschiedensten Religionen begegnen und einander bereichern, einander ergänzen oder ineinander verschmelzen.

Erstaunlicher weise, war der Hellenisierungsprozess in seinem Verlauf ohne tief greifende nationale Widerstände verlaufen. Lediglich in Persien und Judäa gab es Erhebungen gegen die Hellenisierung, die jedoch durch die Integrationsfähigkeit des Hellenismus, anderweitig stattfand. Die Stärke des Hellenismus lag in seiner Vielfalt, die keine kulturellen Grenzen kannte. Zudem erlaubte es der Universalismus des Hellenismus, jeglicher Religion seinen Platz einzuräumen. Der strenge Monotheismus des Judentums erzeugte allerdings in der hellenistischen Welt so manches Unbehagen. Doch dazu in einem anderen Kapitel mehr.

Schon in der Frühzeit Griechenlands zeigten sich die Hellenen offen für viele Kulte und Religionen. In ihrem Glaubensverständnis waren die Götter das himmlische Gegenüber für den Menschen, die sich um sein materielles und moralisches Wohlergehen kümmerten. Zugleich vermutete man schon früh hinter diesen Göttern ein höheres Prinzip einer Gottheit, dem Erschaffer alles Seiende (Platon).

Die offene Annahme von Göttern und Gottheiten und hier insbesondere aus der ägyptischen Religion und orientalischen Religionen, löste jedoch zwangsläufig ein anderes Problem aus, eine schier unglaubliche Anzahl von Göttern, Gottessöhnen, Heroen und anderen mythischen Gestalten. Hier setzte die Philosophie zu ganz neuen Denkmodellen an, die keine allzu große Rücksicht auf alt hergebrachte Kultformen walten ließ, sondern ein eigenes Religionsmodell entwarf. Folgendes Denkmodell sei hierzu angebracht: Den homerischen Göttern war es zu Eigen, dass sie den Tod nicht kannten, für die Philosophie wird daraus der Begriff Ewigkeit und damit zum tragen Faktor des Göttlichen. Allmacht und Allgegenwart kommen hinzu, wodurch letztendlich die Vielgötterei in Frage gestellt wurde. Es können nicht viele Götter allmächtig sein. Als Lösungsmodell für die verschiedensten Seinsweisen der Götter wird im Verlauf der Religionsgeschichte anfänglich von Untergöttern bis hin zu Gottessöhnen und späteren vielfältigen Göttlichkeiten in einem Gott unterschieden. Diese Entwicklungsgeschichte darf man sich nicht als plötzliche Erkenntnis vorstellen, sondern beinhaltet einen Jahrhunderte langen Prozess, der in den Mysterienreligionen seine entscheidende Wende nimmt.

In den Mysterienreligionen, die insbesondere im römischen Reich, welches sich als Erbe des Hellenismus verstand, ihre größten Ausbreitungen fanden und die allesamt Offenbarungsreligionen waren, zeigt sich am deutlichsten der Wandel von alten Kultgöttern. War einst die kultische Verehrung der Mittelpunkt des Volksglaubens, ist durch die Philosophie und ihren Fragestellungen ein ganz neuer Aspekt hinzugekommen. Es waren die Fragen nach dem letzten Sinn des Seines. Der starke Jenseitsglaube der Ägypter und anderer orientalischer Religionen, gewann insbesondere ab dem 3. Jahrhundert v.u.Z. eine immer stärkere Bedeutung. Dies wurde umso mehr begünstigt durch den Prozess von Verschmelzungen verschiedenster Religion und Kulte, die somit zu inhaltlich neuen Religionen in altem Gewand wurden. Ganz deutlich zeigen sich diese Prozesse am Isiskult und Zeuskult. Die Menschen der Antike suchten zudem nicht nur nach den Antworten auf ihre brennenden Fragen, die durch die philosophische Aufklärung entstanden, sondern sie suchten auch die Nähe und Geborgenheit zu dem fernen Olymp der Göttlichkeit, in einer Welt, die einem starken Werte- und Geisteswandel unterzogen war. Lebensphilosophien wie der Stoizismus, der Epikureismus und ganz besonders die der Neuplatoniker, die besonders die Sinnlosigkeit und Verworfenheit menschlicher Taten im Angesicht der vollkommenen Göttlichkeit aufzeigten (siehe auch dazu bei Paulus), schaffte eine immer stärkere Anbindung an mystische Erlöserreligionen. Dieser Trend zeigte sich schon recht früh im Adoniskult und erlebte seine volle Blüte in den vielen Mysterienkulten des Imperium Romanum.

Die Suche nach dem göttlichen Urprinzip und einer Definition der Seinsweise dessen, verschaffte der Religionsphilosophie ungeahnten Zulauf. Insbesondere die neuplatonischen Philosophenschulen entwickelten auf Grundmodellen hellenistischer Philosophie weiterführende Ansätze. So z.B. Plotin: „Der Grund allen Seins ist das eine, zugleich das Urgute und Urschöne, jenseits des Denkens, aber von reiner Aktualität. Aus ihm emanieren im Schritt einer Dreieinigkeit Geist, geistige Seinswirklichkeit und geistige Schau, in Wahrheit ein Geist, der Anteil hat sowohl an dem Einen als auch an der nächsten Emanationsstufe, der Seele“. Das Eine, dessen Abbild und dessen Geist“
Plotin vertritt hier keine gänzliche philosophische Neuschöpfung, sondern führt nur Konsequent Gedanken weiter, wie die des Xenokrates (um 396 v.u.Z.) der eine Dreieinigkeit an die Spitze des Weltganzen setzte, oder Aristoteles (384-322 v.u.Z. - der besonders im Christentum größte Verehrung genießt), der erklärte: „Die Dreiheit ist die Zahl des Ganzen, insofern sie Anfang, Mitte und Ende umschließt“. Martial (ca.40-102 n.Ch.) sah in Hermas den Trismegistos, den dreimal großen Hermas, der allein ganz und dreimal einer ist.
Die neuplatonische Lehre, in Gott, zugleich das reine Sein und den Schöpfer alles Dasein zu sehen, der aus Güte die ewige Welt der Ideen und Seelen erschafft, wirft aber infolge der unvollkommenen Schöpfung Fragen auf, die darin ihre Begründung finden, dass ein präexistenter Fall der Schöpfung diesen Zustand der Unvollkommenheit schaffte, dem zufolge die Seelen zum Zweck der Erziehung in den Kerker des Leibes gebannt sind. Als Erzieher sendet Gott den ihm wesensgleichen Logos, den er ewig mit sich selbst zeugt, der als Mittler zum Menschen herabsteigt und den Menschen mit Hilfe des ihm wesensgleichen Geistes zur Erkenntnis der letzten göttlichen Wahrheit auf einem langen und schweren Erziehungsweg führen will.

In diesem letzten Gedankengang verbindet sich die Konsequenz der Menschwerdung Gottes als göttliche Offenbarung Hieros Logos = heiliges Wort, welches sich selbst entäußert um das Schicksal der Menschen zu teilen und durch Selbstaufopferung des Logos, das erlösende Heil auf den ihm geweihten Menschen zu übertragen. „Freut euch, ihr Mysten, da der Gott gerettet ist, so wird euch aus Mühsal Heil zuteil“. Dieser Mythenspruch wird gerade zu bezeichnend für alle antiken Religionen. Die Zeussöhne nehmen alle Mühen und Leiden der Menschen auf sich um den Menschen aus diesen zu befreien und zu erlösen. Den Nachfolgern und Geweihten gewährt der göttliche Logos dafür das ewige vollkommene Leben, heilt von Krankheiten und schafft materiellen Wohlstand und die Vergebung von moralischen Verfehlungen. Die unzähligen Grabinschriften aus dieser Menschheitsepoche belegen ganz deutlich den Erlösungsgedanken aller mystischen Religionen.

Die religiöse Wende wird auch in der Stoa deutlich. Im sog. Zeushymnus des Kleanthes, der mehrfach im Neuen Testament zitiert wird (ist im Internet zu finden), finden wir ein ganz anderes Bild von Gott wieder als es uns frühe antike Gottesbilder vermitteln. Der ferne Gott des Olymps, offenbart sich als Vater der Menschen, als Mitleidender und Logos.

Wie schon erwähnt finden sich in fast allen Kulten des Späthellenismus die Erlöserfiguren. Ursprünglich altgriechisch Heros, werden nun diese Zeussöhne in ihrer religionsgeschichtlichen Entwicklung Menschen, in denen sich der Logos Gottes offenbart, die Theios Aner = GottMensch sind, die selbst Theos = Gott genannt werden und denen Titel wie z.B. Epiphanes = erschienener Gott, Soter = Heiland, Euergetes = Wohltäter oder sogar als Gottgleich (Neos Dionysos), zugeteilt werden.

Ganz bezeichnend für die Mysterienreligionen sind die Gottessohngestalten, die alle als Logos – Wort Gottes = heiliges Wort, einer übernatürlichen Menschwerdung ihre göttliche Erhöhung fanden. Noch deutlicher wird dies bis auf eine Ausnahme (Mithras) bei ihrem Sterben. So ertrinkt Osiris unter furchtbaren Qualen, Attis stirbt im Akt der Selbstaufopferung an einer sich selbst zugefügten Wunde, Adonis wird von einem besessenen Wildschwein getötet und Dionysos wird von betrunkenen Bauern bei lebendigen Leib zerrissen, ja regelrecht geopfert.

Ein weiteres Element sind die mystischen Weihen = Sakramentum, die sich in Form und Gestallt zwar unterscheiden und doch wesentliche Gemeinsamkeiten aufweisen. So sind der Beginn der Weiheakt immer das Bekenntnis zum Gott und eine Blut oder Wassertaufe allen diesen Kulten gleich. Auch das mystische Mahl, wie z.B. im Mithras-, Dionysos-, Herakleskult, etc., aus Brot und Wasser oder auch Wein (Dionysos) ist kennzeichnend für die Zugehörigkeit dieser Kultgemeinschaften, in denen so Gott als Gastgeber, als substantiell-theophag = als gegenwärtig, gefeiert wird. Auch die darstellhafte Ausschmückung des Gottes mit Symbolen und Figuren oder kleinen Bildnissen und Haustempeln (Nischen) ist diesen Kulten gemeinschaftlich nachweisbar.

Gleich wohl es doch erhebliche Unterschiede im Gottesbildverständnis in den einzelnen Kulturen gibt, lassen sich die Gemeinsamkeiten doch deutlich aufzeigen. Weitere Einflüsse sind bedeutend durch die Weiterentwicklung der Gnosis, auf die ich hier aber nicht weiter eingehen will.
Die religionsgeschichtlichen Entwicklungen führen letztendlich zu einem relativ einheitlichen Reichsgott Verständnis, welches sich unter Aurelian als die „Römische Trias“ und als Trinitas im gesamten Imperium (Trias = drei = Trinitas = Dreiheit) durchsetzt. In ihr vereint sich der Weltengott mit dem jeweiligen Landesgott (Logos) und dem Weltengeist, der alles und jeden durchdringt. Der Neuplatonismus wird zum gängigen Erklärungsmodell dieses Systems (Siehe oben – Bekenntnis des Plotin).