Lieber Gerd
Danke für Deine Differenzierung. Ich möchte vielleicht einmal an einem Beispiel verdeutlichen, was ich mit Blick auf die Trinität, die Du als Beispiel erwähnt hattest, aber auch auf andere Lehren wie Weihnachten, Ostern, Kindertaufe u. a. sehe.
Da haben wir vielleicht einen Unitarier, der die sogenannten christlichen Feste feiert und glaubt, dass es heute noch Zeichen und Wunder, dass es noch Weissagung gibt.
Wir nehmen einmal an, jemand anders hat die Erkenntnis der Dreieinigkeit, lehnt aber die heidnischen Feste ab, wie auch die Charsimen.
Ein Dritter ist vielleicht Trinitarier, akzeptiert für sich die erwähnten Feste und verneint kategorisch übernatürliche biblische Phänomene.
So vielschichtig, wie die Denominationen sind, so vielschichtig, wie die Denominationsüberdrüssigen sind, so vielschichtig sind auch ihre Anschauungen. Für mich ergibt sich da die Frage: Wer darf da überhaupt wen einen "Abweichler" nennen? In der katholischen Kirche ist das einfach. Da wird gelehrt, dass sie die einzig wahre Kirche ist und alles, was nicht zu ihr gehört, das sind Abweichler, das sind Sekten. Bedenklich in diesem Zusammenhang erscheint mir allerdings der ökumenische Brückenschlag zu den Abweichlern.
In der Wirtschaft gibt es einige wenige Organisationen, die zum Ziel haben, alles zu normen. Die "Deutsche Industrie-Norm" (DIN) oder die "International Standardisation Organisation" (ISO) sind da wohl die bekanntesten. Leider (oder Gott sei Dank) gibt es keine Norm, die klar definiert, was man glauben muss, um sich "Christ" nennen zu dürfen.
Als vor Jahren mein Arbeitgeber ISO-zertifiziert wurde, da wurde ein Katalog von Arbeitsabläufen und -prozessen zusammengestellt. Jede Arbeit von jedem Arbeitsplatz wurde systematisch katalogmässig erfasst und dies der Reihenfolge nach. Bei einem Audit wurde dann geprüft, ob die Arbeitsabläufe auch den erfassten Prozessen entsprachen. Was aber nicht geprüft wurde war, ob das, was in den Dienstvorschriften vorgegeben war, auch in der Praxis im Geist des Auftraggebers so umgesetzt wurde.
So hat unsere Gesellschaft eine Vorstellung von einer christlichen Norm. Alles Christliche wird an dieser Norm geprüft, allerdings sehr, sehr subjektiv. Das Christentum ist ja noch nie ISO-zertifiziert worden. Und so wissen gewisse Kreise in unserer Gesellschaft genau, was ein "Christ" darf und was nicht. Allerdings interessiert dies die erwähnten Kreise nur aus einem Grund: Sie wollen sich rechtfertigen mit den Fehlern der "Christen". Aber es interessiert kaum jemanden, ob das, was in den biblischen Büchern vorgegeben ist auch in der Praxis im Geist des HEILIGEN so umgesetzt wird.
Ich persönlich meine: Das Wort, die Bezeichnung "Christ" ist nur ein Label, so ein Feigenblatt, mit dem sich jeder dekorieren kann, der etwas zu vertuschen hat, der gewisse Lehren nicht als Irrlehren anerkennen will, der sich nicht von Traditionen lösen will. Dieses Label dient nur dazu, in der Masse der "Christen" nicht aufzufallen.
Sind Samu oder Tomex z. B. Abweichler? Viele Juden lernen Jeshua als ihren Meshiach kennen, ohne jemals Christen gewesen zu sein, ohne jemals Mitglied in einer christlichen Kirche gewesen zu sein. Andere erleben oder erlebten ein christliches Intermezzo. Sie besinnen oder besannen sich auf ihre jüdischen Wurzeln. Die heutige Trennung zwischen Juden und Christen ist für mich augenfällig. Ein messianischer Jude würde sich nie als "Judenchrist" bezeichnen, weil "Jude" und "Christ" krasse Gegensätze sind. Sind diese messianischen Juden darum Abweichler? Dann war der Messias auch ein Abweichler, denn der war auch Jude.
Innerhalb der christlichen Labelgesellschaft gibt es dann auch noch "Unterlabels". So lehren der Bund Freier evang. Gemeinden und der Bund Evang. freikirchl. Gemeinden beide die Glaubenstaufe. Aber beide unterscheiden sich in Details der Tauffrage vehement. Während die eine Gemeinschaft eine Gemeindemitgliedschaft ohne Taufe - nur auf das Bekenntnis des Glaubens ermöglicht (gewisse Gemeindeglieder lassen sich z. B. nach jahrzehnten der Gemeindemitgliedschaft taufen - wenn überhaupt), so ist bei der anderen Denomination die Taufe gleichzeitig die Aufnahme in die Gemeinde.
Dies sind aber nur feine Unterschiede, die offenbar die Notwendigkeit einer eigenständigen Organisation rechtfertigen. Und die Lehren und Sonderlehren und Irrlehren u.s.w. werden immer kleinkarrierter. Wo bleibt unsere Norm? Es ist so paradox: Da werden sogar in ein und derselben Freikirche zwei verschiedene Taufpraxen geübt - Kinder- und Glaubenstaufe, als ob es zwei diametral entgegengesetzte Wahrheiten gäbe. Und zwischen den (Frei-)Kirchen gibt es dann auch noch kleinere und grössere Unterschiede in der Definition der Wahrheit. Aber da weiss man sich ja Rat: man toleriert einfach das, was bei Licht betrachtet eine Irrlehre sein muss der jeweils anderen Gemeinschaft, um das Label "Evang. Allianz" tragen zu dürfen. Auf dieser Ebene wird natürlich sehr humanistisch tolerant mit Abweichlern umgegangen; denn jeder nimmt ja die eigene Lehre als Massstab für Wahrheit.
Shomer sieht in diesem christlichen Brei ein Gemisch und ein Durcheinander, weil es keine Norm gibt. Es gäbe ja eine Norm, aber wenn ein Geistlicher diese predigen würde, dann würde ihm im besten Fall die Einnahmequelle davonlaufen, im schlechtesten erhielte er die Kündigung. Beides käme für ihn auf dasselbe heraus. In diesem christlichen Brei kann man eigentlich alles glauben - und alles tun und lassen wonach das Herz begehrt. Hauptsache, man trägt das "richtige" Label.
Ich selbst habe mir im Laufe der Zeit auch verschiedene Labels zugelegt, habe mich "Pietist" genannt, "evangelikal", "Baptist", "Charismatiker", "Pfingstler". Was trage ich heute für ein Label? "Unchrist"? "Messianischer Heide"? "Talmid Jeshuas"? Nun, mit diesen Labels kann wohl niemand etwas anfangen. Wie gehe ich selbst damit um, dass ich ein Abweichler bin? Ich versuche, im Forum meine Erkenntnisse zu verarbeiten - zum Leidwesen derer, die von sich meinen, keine Abweichler zu sein.
Shabbat Shalom vom Shomer



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