@ Nitro

Was ich meinte, war folgendes: Fundamentalistisches Schriftverständnis zeichnet sich u.a. dadurch aus, daß einzelne Passagen aus ihrem textlichen und historischen Kontext gerissen werden. Diese "entwurzelten" Sätze werden dann als die absolute Wahrheit verkauft. Dieses Vorgehen findet man bei christlichen Fundamentalistennicht weniger als bei muslimischen oder hinduistischen.
Hinduistische Fundamentalisten mögen beispielsweise sagen, daß jene, die in der Kaste der "Unberührbaren" geboren wurden, für immer am sozialen Rand der Gesellschaft zu leben haben. Wenn ich als Nicht-Hindu nun hingehe und sage, daß der Hinduismus die "Unberührbaren" ausgrenzt, begehe ich m.E. einen potentiell folgenreichen Fehler. Zwar beschreibe ich mit meiner Aussage einenTeil der indischen Gesellschaft zutreffend. Gleichzeitig bestätige ich aber mit meiner Aussage, daß der Hinduismus dieses und jenes so und so sehe, diese fundamentalistische Lesart. Korrekter wäre es, daß der Hinduismus zwar ein Kastenwesen kennt, dieses ursprünglich aber nicht mit der Geburt verknüpft war.
Wenn ich ein fundamentalistisches Bibelverständnis als typisch für das Christentum herausstelle, sage ich quasi jedem, daß wer Christ sein will: Du kannst nur Christ sein, wenn Du es genauso siehst. Bzw: Ein Christ hat es so und so zu sehen; nicht anders.

Ich meine keineswegs, daß Mißstände verschwiegen werden sollten. Aber wenn ich eine Religion oder ihre Anhänger kritisiere, sollte ich fair sein. Dazu gehört auch immer ein Blick in das Schriftgut, die Geschichte des Schriftgutes und ein Blick über das Schriftgut hinaus.
Dann relativieren sich auch Aufforderungen zur Tötung und Unterwerfeung von Nichtmoslems und ähnliches, und legen ein anderes Verständnis nahe.

Gruß
LD